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Denkwürdigkeiten aus dem russischen Feldzug vom Jahr 1812

 von   Thomas   Legler

Einleitung

Die vier Schweizerregimenter, welche im russischen Feldzuge von 1812 einen Teil der grossen Armee bildeten, gehörten zum II. Armeekorps unter Marschall Oudinot. Dieses  Armeekorps bestand aus drei Infanterie- und zwei Cavallelriedivisionen und zwar ohne Artillerie und Genie 42'000 Mann stark am Anfang des Feldzuges. Es hatte die Aufgabe, den linken Flügel der Armee, die gegen Moskau vordrang, zu bilden und gegen Dunaburg und Polotzk den Feind abzuhalten.

Bei der 3. Division unter General Merle waren die Schweizer zugeteilt wie folgt:  1. Brigade, General Amey, 4. Schweizerregiment und 3. Croatenregiment, 2. Brigade, General Canderas, 1. und 2. Schweizerregiment. 3. Brigade, General Coutard, 3. Schweizerregiment und 123. französisches Linienregiment.

Das 1. Schweizerregiment marschiert den 14. Juli 1811 von Reggio an der Meerenge von Messina ab über Neapel, Rom, Florenz, Modena, Parma, Piacenza, Mailand, Simplon, Sitten, Genf, Besançon, Strassburg, Würzburg, Halle, Brandenburf, Berlin nach Stettin, wo die vier Schweizerregimenter zusammentrafen; - von da nach Marienburg, Gumbinnen, Kowno bis an die Düna gegenüber Dünaburg, wo es den 13. Juli 1812 anlangte, und dem linken Ufer der Düna folgend, aufwärts bis Polotzk. Die zurückgelegte Wegstrecke beträgt etwa 1'200 Stunden.
Vom 1. Schweizerregiment nahmen zwei Feldbataillone teil am Feldzuge, während das dritte Bataillon in Piacenza zurückblieb. Die Stärke dieser zwei Bataillone war ursprünglich 1923 Mann. Nachgesandt wurden noch 387 Mann, sodass im ganzen vom 1. Schweizerregiment 2310 Mann nach Russland marschierten. Nach dem Feldzuge kehrten nach und nach zurück, die gewesenen Kriegsgefangenen inbegriffen, 377 Mann, sodass allein das erste Schweizerregiment im Feldzug von 1812  1933 Mann verloren hat und kaum der Sechstel seines Bestandes übrig blieb.
Das II. Armeekorps gelangte ohne grössere Gefechte, weil der Feind sich zurückzog, nach Polotzk und Umgebung, noch 30'000 Mann stark. Das gegenüberstehende russische Armee-Korps unter General  Wittgenstein mag 36'000 Mann stark gewesen sein.
Die 3. Division lagerte bei Disna an der Düna, welcher Fluss aus dem Inneren von Russland gegen  Nordwesten fliesst  und bei Riga in die Ostsee mündet. Die Verpflegung der französischen Truppen war sehr schwierig und musste unter steten Gefahren erkämpft werden..

Die nun folgenden  Mitteilungen, entnommen den nachgelassenen Schriften von  Oberstleutnant Thomas Legler von Dornhaus**, welcher als Oberlieutnant der Grenadiere beim 1. Schweizerregiment den Feldzug mitmachte und das Glück hatte, unverwundet und ohne erfrorene Glieder zurückzukehren, mögen als ruhmvolles Denkmal schweizerischer Treue und Tapferkeit dem Andenken der gefallenen Braven gewidmet sein.

**Thomas Legler, geboren in Dornhaus am 21. Februar 1782, trat schon am 7. März 1799 als Unterlieutnant in die dritte helvetische Halbbrigade ein und focht unter Schauenburg an der Donau und später im zweiten helvetische Linien-Infanterie-Bataillon unter Massena in der Schweiz. 1801 zum Oberlieutnant befördert, trat er mit seinem Bataillon in französische Dienste über und macht mit dem1. Schweizerregiment die Feldzüge auf Corsica, Elba und Neapel mit,  wo er 1810 zum Oberlieutnant der Grenadiere vorrückte. Als solcher machte er den russischen Feldzug von 1812 mit, in Folge dessen er zum Ritter der Ehrenlegion und Hauptmann ernannt wurde. 1614 hielt er mit dem 2. Schweizerregiment die Belagerung von Schlettstadt gegen die Alliierten aus. Nach Napoleons Abdankung trat er in die Dienste Ludwigs XVIII. und blieb ihm nach der Rückkehr Napoleons von Elba treu, wofür er später von der eidgenössischen Tagsatzung die Medaille für Treue und Ehre erhielt. Er kehrte in die Heimat zurück und wurde zum Oberstlieutnant ernannt. Als solcher machte er an der Spitze des Glarnerbataillons den eidgenössischen Feldzug von 1815 und die Belagerung der Festung Hüningen mit.1816 trat er als Hauptmann im Regiment Sprecher in holländische Dienste und wurde nach Abdankung der Schweizer Truppen als Grossmajor zum Commando eines Holländerbataillons berufen, in welcher Stellung er den belgischen Feldzug mitmachte und anno 1835 an einem Schlage zu Axel in Seeland starb.

Ausflug auf die Marode

Im Lager bei Disna an der Düna den 29. Juli 1812 erhielt ich den Befehl, auf die Marode zu gehen; ein Sergeant, ein Korporal und 12 Grenadiere wurden mir mitgegeben. Die Grenadierlieutnants Dortü und Thomann, ersterer ein Waadtländer und letzterer ein Solothurner, hatten die nämliche Bestimmung erhalten und dieselbe Anzahl Leute wie ich.

Wir marschierten vom Lager miteinander ab und als wir das rechte Ufer der Düna erreicht hatten, so hiess es: Wohin und woaus wollen wir gehen? – Da ich ihnen meine Gedanken eröffnen wollte, so kam ich nicht zu Wort, sondern beide drangen in mich, ich möchte ihnen nur folgen, indem sie von allem unterrichtet wären etc.; - „besonders wo der Schwarm der Franzosen geht, deren Weg müssen wir auch einschlagen“. – Ich sagte ihnen: “ Ihr mögt euch allerdings eines Besseren erkundigt haben als ich, indem ich hierüber keine Silbe gefragt habe, allein wo der Schwarm hingeht, dahin folge ich nicht nach; - wollt Ihr aber Euch mit mir  vereinigen, so sind wir stark genug, dem allfälligen Feind die Stirne zu bieten.“ – Hierüber lachten beide, den Feind nicht so nahe wähnend, und da ich ohnedies den Leichtsinn dieser Kameraden seit Jahren kannte, wurde dies hauptsächlich der Grund für mich,  allein auf gut Glück auszugehen, und so trennten wir uns mit Anwünschung guter Beute.

Ohne Landkarte, ohne Wegweiser und ohne die mindeste Erkundigung eingezogen zu haben, schlug ich den Weg, der vom Lager vorwärts über die Düna führte, ein; hingegen meine Kameraden folgten jenem der Düna nach abwärts. Ich traf niemand auf meinem Weg, bis nach 5/4 Stunden eine Baronie sichtbar wurde, wo ich mir von der Entfernung her schon grosse Beute versprach. Ich irrte mich aber gegen Erwartung, weil ich hier ein Detachement Chasseurs zu Pferd antraf, welches drei Offiziere an der Spitze hatte und 50 Mann stark war. Ich ging auf sie zu, und da mir diese sagten sie hätten schon alles eingepackt und werden sogleich aufbrechen, so begab ich mich in das Haus.
Den Baron, mit Knechten und Mägden umgeben, fand ich im Saal in einer finsteren Stimmung, die man sich leicht denken kann. Ich redete denselben in französischer Sprache an und gab ihm zu verstehen, dass ich Lebensmittel haben müsse. Er antwortete mir in deutscher Sprache und beteuerte, dass ihm die Franzosen alles weggenommen hätten. Da ich mich mit dieser  Antwort nicht zufrieden geben konnte, so sagte ich ihm, wenn ich mit guten Worten nichts erhalten könne, so müsse er sich eine Hausvisitation gefallen lassen, die mich überzeugen werde, ob keine Lebensmittel versteckt seien; in diesem Falle könne ich dann dem Herrn Baron nicht gut stehen.  –
Diese Drohung bewirkte, dass meine Mannschaft etwas Brot und gekochtes Fleisch mit Schnaps bekam.. Unterdessen fanden die Grenadiere in den Scheunen noch Korn für 12 Säcke. Mit diesem nicht zufrieden, verlangte ich vom Baron zu vernehmen, ob in der Nähe nicht  eine andere Baronie liege, ohne dass ich von feindlicher Seite etwas zu gefährden hätte und wo ich mir eine ansehnliche Beute machen könnte. Meine Frage blieb unbeantwortet; allein da ich diese mit Drohung wiederholte mit dem Beisatz, dass ich keine Stelle in seinem Hause undurchsucht lassen werde, wenn er mich so gleichgültig behandeln wolle, so sagte er endlich, dass er einen Freund auf  1 ½ Stunden hier habe, wo ich alles bekommen werde, was ich suche, und dass ich bis dahin auf keinen Feind stosse, indem derselbe noch ½  Stunde weiter zurück seine Vorpostenlinie bezogen habe.
Nun handelte es sich um einen Führer, denn ohne diesen würde ich unvermeidlich auf Abwege geraten sein. Keiner von seinen Trabanten, wollte sich dazu verstehen; - dieses Zauderns müde, liess ich einen seiner Knechte greifen, welches der Koch selbst war, der aber Miene zum Weglaufen machte; allein die Grenadiere waren so gut verteilt, dass er nicht durchkam. Der Baron musste  uns einen  Strick herholen, um den Guiden zu binden.
Dem Sergeant Kaa und zwei Grenadieren gab ich Befehl, mich hier abzuwarten, und erklärte, dass der Baron bis zu meiner Rückkehr  sein Gefangener sei. Nach unserer Berechnung sollten wir bis gegen 6 Uhr abends zurück sein, wenn dieses nicht erfolgen würde, so solle er  denselben gebunden nach dem Lager bringen, wo er unvermeidlich eine Kugel durch den Kopf erhalten werde, wenn wir nicht wieder zurückkehren würden.
Diese Worte mit gebieterischer Stimme ausgedrückt, die der Baron mitanhören musste, jagten demselben den Angstschweiss aus; er sprang auf seinen gebundenen Koch zu und flehte ihn auf den Knien an, vermutlich: er möchte uns wohlbehalten zurückbringen, sonst sei er ein Kind des Todes. Ich bemerkte hierauf, dass der Koch nach dieser Szene seinen Herrn, sichtbar beruhigte. Sodass mir der Baron beim Weggehen versicherte, er hoffe, ich werde zufrieden umkehren.
Dieser Befehl, den ich meinem  Unteroffizier übertrug, wird dem Leser unmenschlich vorkommen; allein man bedenke wohl, in welcher Lage ich selbst war, unwissend, wo und wie  ich den Feind treffen werde und ob ich dann den Weg nach dem Lager wieder  gefunden haben würde. Diese Drohung fruchtete für uns das Beste.
Dem  Unteroffizier gab ich noch den geheimen Befehl, sobald wir aus dem Gesicht  der Baronie seien, so solle er den Baron nur wieder frei lassen, und dass es dann nur bei der Drohung allein verbleibe.
Unser gebundener Guide, der von einem Grenadier geführt wurde, brachte uns nach Verfluss von 5/4 Stunden auf  Nebenwegen  und durch lange Striche Waldung an den wahrscheinlich bezeichneten Ort, ohne dass wir eine menschliche Seele zu Gesicht bekamen; Hornvieh und Pferde sahen wir verschiedenes. Auf dem Wege dahin hatten mir die Grenadiere ein fein gebautes Pferd aufgefangen.
Es war Mittag. Als wir bei der zweiten Baronie ankamen, die auf der Seite, wo wir sie zuerst sahen, dicht am Walde lag. Bevor ich in das Freie trat, liess ich durch die Hälfte meiner Grenadiere die Umgebung des Schlosses ausspionieren und nachdem mir die Versicherung eingegangen war, dass sich kein Feind zeige, so liess ich den Baron abholen, der sofort erschien.
Ich fragte auf deutsch, ob der Feind fern von hier sei. Diese Frage wurde mir auf schlecht deutsch beantwortet, indessen verstanden wir auf die Uhr zeigend, dass der Feind ¾ Stunden von da liege. Da er dann durch den mitgenommenen Guides unser Begehren vernommen , so winkte er uns, ihm zu folgen.
Der Baron ging in das Haus und ich stellte drei Schildwachen aus. Gleich darauf kam  derselbe mit einem Ring voll Schlüssel, durch welche mir alle Türen geöffnet wurden. Meine Leute erhielten Branntwein und Brot und ein Mittagsmahl wurde uns zubereitet.
Dieser Baron zeigte sich äusserst tätig und gefällig; seine Leute mussten mit einpacken  und beim Aufladen bei der Hand sein, sodass ich um 3 Uhr schon zwanzig einspännige Karren mit allerhand Nahrungsmittel beladen sah. Ich zeigte ihm mein nacktes Pferd; bald darauf wurde dasselbe mit einem neuen englischen Sattel und Zaum ausstaffiert.
Beim Essen, welches wir unter freiem Himmel verzehrten, sagte ich dem Baron, er solle die kostbaren Sachen gleich in  Sicherheit bringen, indem die Franzosen bald kommen werden, die noch anderes als bloss Lebensmittel verlangen. Ich gab ihm die silbernen Löffel und Gabeln mit Zeichen zurück, dass er geschwind alles fortschaffen solle, indem wir Schweizer
nichts anderes verlangen.  -  Der gute Baron wollte mir anfangs das silberne Service nicht abnehmen, allein, da er sah, dass ich keinen Wert darauf setzte, so setzte er hinzu, mir auf die Schultern klopfend: “ Brav Mann!“ – und tat, was ich ihm sagte.
Nachdem ich Alles in Ordnung gebracht hatte, so traf ich Anstalten zum Abmarsch. Auf einmal kam ein Grenadier mit dem Ruf: “Die Franzosen kommen!“ – In wenigen Minuten traf dann ein Chasseur-Offizier mit 4 Mann ein, der nicht wenig stutzte über all die schön geladene Beute; besonders aber schien ihm das gesattelte Pferdchen zu gefallen. Einer seiner Chasseurs wollte Hand darauf legen, mit dem Hinzutun: „Das gehört uns mit all dem Haber, den sie da haben!“ Der Grenadier, der das Pferd hielt, drohte den Chasseur  sogleich niederzuschiessen.
Ich kam endlich dazwischen und erklärte dem Offizier, was er da sehe, sei mein und ich begreife nicht, wie er Ansprache darauf machen könne etc. -  Hierauf begnügte er sich, mir zu drohen, dass wenn ich es ihm nicht verabfolgen lasse, so mache er einen Rapport. Es versteht sich, dass ich ihn zum T..... schickte, und sei er nicht zufrieden, so möchte er vom Pferde absteigen, ich sei bereit, es auf andere Weise mit ihm abzuthun; allein es blieb  bei der französischen Prahlerei und mein Gegner fand es besser, seinen Weg fortzusetzen. Meine Grenadiere konnte ich beinahe nicht mehr halten, sie wollten den Offizier vom Pferd herunterschiessen, was dieser nebst seinen vier Chasseurs wohl befürchtet haben mag, indem sie im schnellsten Trab davonflogen.
Mein Zug begann sich in Bewegung zu setzen, aber der letzte meiner Karren war noch keine vierzig Schritte vom Schlosse entfernt so erkannten wir den Anmarsch eines starken Infanterie-Detachements  Franzosen, die auf die Baronie zukamen. Wir hatten kaum eine Viertelstunde zurückgelegt, so bemerkten wir hinter uns einen furchtbaren Rauch, auf den sich bald Flammen hochlodernd zeigten, woraus, sowie aus dem Benehmen der Bauern, die im Zuge waren, wir schlossen, dass die Baronie brenne. Dieser Umstand verdoppelte unsre Eile und Wachsamkeit, denn ohne diese hätten wir die zwanzig Wagen wahrscheinlich nicht nach dem Lager gebracht. Es ist allzu gewiss, dass, nachdem die  Franzosen in der Baronie nichts mehr vorfanden, sie dieselbe in Brand aufgehen liessen, eine Rache, die von der zweiten Schar oft ausgeübt wurde.
Während unserem Marsch trafen wir noch mehrere Truppenabtheilungen, welche viel Vieh vor sich hertrieben, mit dem Befehl, das Hornvieh überall aufzufangen. – Ein Zufall führte mir in einem Wald, durch welchen unser Weg ging, zuerst ein, dann  mehrere und endlich bei 60 Stück Vieh in die Hände, die ich ohne Bedenken vor uns hertreiben liess.
Von dieser Stelle trafen wir auch bald beim deutschen Baron wieder ein. Der Guide erhielt die Freiheit, sowie ich die Baronie zu Gesicht bekam, der dann zufrieden uns voranlief. Eine schöne Dame mit zwei Kindern an der Hand kam mit fliegenden Haaren und schnellen Schritten auf mich zu und warf sich auf die Knie vor mir nieder. Ich hob sie sogleich auf und fragte nach der Ursache, allein vor Schluchzen und Schmerz brachte sie einige Augenblicke kein Wort heraus. Gerührt über diesen Auftritt – denn auch die Kinder begannen zu weinen – sagte ich ihr: „Wenn ich Ihnen Ihre Schmerzen lindern kann, so reden sie nur, ich will es gerne tun.“ – „Ja, das können Sie, es steht in Ihrer Gewalt!“ – Dann fing sie an, dass seit meiner Anwesenheit viele andere Truppenabteilungen hier gewesen sein und dass man ihnen alles Vieh, 300 Stück an der Zahl, unerbittlich weggenommen habe. – „nun habe ich nichts mehr, womit ich meine Kinder ernähren kann; haben Sie die Güte und geben Sie mir von diesen Kühen nur eine für die Erhaltung meiner Kinder; - Gott wird Sie dafür belohnen!“
„Madame, nehmen sie nach Ihrem Belieben sechs  Stück statt eine und eilen Sie, solche in den dichtesten Wald zu bringen, ich werde mich so lange bei Ihnen verweilen, bis dieses ausgeführt ist.“ Hierauf glänzten wieder Freudentränen auf ihrem Gesicht und sie kehrte sich gegen die Kinder und sagte zu ihnen: „Nun, meine lieben Kinder, müsst ihr nicht Hungers sterben, dieser Herr da hat euch Milch gegeben.“
Indem die Baronin dies sagte, so kam auch der Herr und der Koch, unser Guide. Sowie der Baron von seiner Gemahlin hörte, was ich ihr zugesagt habe, so umarmte er mich voll Freude und Dank. Der Koch eilte, die sechs Kühe herauszuholen, denen ich auch noch sechs Kälber beigab, die er dann sogleich mit Hülfe von zwei anderen Kerls in den Wald brachte.

Der Sergeant machte mir eine traurige Schilderung von der Plünderung. Ohne seinen Schutz würde es viel schlimmer um diese guten Menschen gestanden haben, indem mir der Baron sagte, dass er meinen drei Männern das Leben verdanke und das Wenige, das ihm noch übrig geblieben sei, weil meine Leute es in Schutz genommen hätten.
Da ich mit einer reichen Beute versehen war, so gab ich dem Baron die zwölf Säcke Frucht zurück nebst drei grossen Broten. Dass dies alles mit Dank angenommen wurde,  wird man sich leicht vorstellen können; ich dachte in diesem Falle: leben und leben lassen sei eine christliche Pflicht. -  Ich sagte noch dem Baron, dass ich befürchte, sein Freund, von dem  ich diese Beute habe, sei noch unglücklicher als er, indem seine Baronie noch stehe, diejenige seines Freundes ab wohl schon  ein Aschenhaufen sein möchte.
Nachdem der Koch aus dem Walde zurück war, setzte ich meine Marsch fort, so dass ich mein Lager bei der Abenddämmerung glücklich erreichte. Ich wurde von vielen unserer Leute schon bei der Brücke auf dem linken Ufer der Düna jauchzend empfangen. Es riefen einige, als der Zug über die Brücke ging: „Hier kommt unser Lieutenant, der hat sich nicht fangen lassen, dieser bringt uns auch noch Nahrung.“ – Ich vernahm dann leider, dass Dortu und Thomann mit ihrem Detachement bis an einen Grenadier, der  sich habe flüchten können, beim Kloster Walenzia gefangen worden nebst anderen Abteilungen, und dankte daher Gott, so gut davon gekommen zu sein.
Im Lager angelangt, vertheilte ich unter  die Stabsoffiziere und Offiziere das Brot, Butter, Käse, Schinken, etwas Bier, Branntwein und Honig. Für die Mannschaften hatte ich für mehrere Tage Branntwein und Mehl, sowie auch Korn und Haber für die Regimentspferde etc. Der Oberst, sowie alle übrigen Offiziere äusserten  mir ihre Zufriedenheit über meinen Fang.
Dies war das erste und letzte Mal, dass ich auf der Marode war. Es gibt dem Leser eine Idee, was für Vorsichtsmassnahmen getroffen werden müssen und wie es öfters zugeht.

 

Gefechte vom 31. Juli bis 16. August

Am Flusse Drissa (Die Drissa ist ein rechtsseitiger Fluss der Düna und mündet in  dieselbe bei der Stadt Drissa) bei der Brücke  von  Pialla 7 Stunden unter Polotzk, trafen die ersten zwei Divisionen unseres  Armeekorps den 31. Juli mit einem Teil auf den Feind und schlugen sich mit abwechselndem Glück vom Morgen bis in die Nacht. Sie verfolgten anfangs denselben über 2 Stunden jenseits der Drissa bis auf eine Stelle, die von verdeckten Batterien und frischen Truppen verteidigt war. Auf dieser Stelle verlor die 1. Division durch das heftige Kartätschenfeuer viele ihrer Braven.
Die Anstrengung dieses Tages, die feindliche vorteilhafte Position und die Gefahr, umgangen zu werden, bewog den Marschall zum Rückzug. Die Russen folgten auf den Fersen nach und das Feuer der Plänkler dauerte bis in die Nacht.
Unsere 3. Division passierte bei Disna die Düna und mit dem Kopf  derselben dem Kanonenfeuer immer näher kommend, trafen wir den 31. Juli bei der obbemeldeten Brücke von Pialla in dem Augenblicke ein, als eine Ordonnanz ansprengend dem Divisionsgeneral Merle den Befehl überbrachte, sich unversäumt auf der Strasse nach Polotzk zurückzuziehen, die uns durch einen stundenlangen Wald führte. – Beim Heraustreten aus demselben nahm uns eine schöne Gegend auf, in welcher sich verschiedene Sandhügel befanden. Hinter dem entferntesten derselben nahmen wir Stellung.
Das 1. Schweizerregiment kam dicht hinter einen dieser Hügel zu stehen. Nachdem wir uns in Angriffscolonnen aufgestellt hatten, so wurde der vor uns  liegende Hügel von mehreren Offizieren bestiegen und zwar in der Gesellschaft unseres würdigen Obersten Raguettli von Flims, Kanton Graubünden.
Von da aus erkannten wir die im Anmarsche gegen uns aufmarschierenden ersten zwei Divisionen unseres Armeecorps, die auf 500 Schritte vor uns vorwärts wieder Front machten. Die erste bildete den rechten, die zweite den linken Flügel; unsere dritte Division stand rückwärts im Zentrum der Reserve.
Die bemeldeten  zwei Divisionen waren kaum in Angriffscolonnen formiert, so debouchierten auch schon die feindlichen Plänkler  aus dem Walde und bald darauf folgten auch die russischen Colonnen, die dann, unser Kanonenfeuer nicht achtend , ihre Stellung auch nahmen, so dass der Wald ihnen im Rücken war.
Unser Feuer blieb ihrerseits unbeantwortet. Dieses kühne Unternehmen machte uns allerdings mit den Absichten des Feindes bekannt, so dass keiner von uns den Mammelon verliess, ohne überzeugt zu sein, es werde am kommenden Morgen zu heftigen Schlägen kommen. Unsere Position war vorteilhafter als jene des Feindes.
Am 1. August mit Tagesanbruch begann das Feuer der russischen Plänkler, welches von den unsrigen beantwortet wurde. Die russischen Massen setzten sich in Bewegung und begannen ihr Deployement unter einem lebhaften Feuer; allein unser Marschall kam ihnen zu gleicher Zeit mit einem lebhaften Cavallerieangriff zuvor und warf die noch nicht formierte erste Linie auf die zweite zurück, während zwei Batterien reitende Artillerie die beiden feindlichen Flanken drängten.
Wie ein Lauffeuer kam das Gerücht vom rechten Flügel bis zu uns, der Kaiser sei in eigener Person an unserer Spitze, und mit demselben auch der Ruf: „Vive Napoléon!“ In diesem Augenblick drang unsere Infanterie mit dem Sturmschritt überall vor. Zwei Escadronen Kürassiere nahmen dem Feind in einer Charge zwei Batterien weg. Die Russen, betäubt über den Angriff, hielten nicht mehr  Stand; überall warfen sie sich in den Wald, was auf der Strasse sich nicht durchhelfen konnte; der Feind wurde verfolgt bis in die Nacht. 12 Kanonen, 3'000 Tote und Verwundete und 4'000 Gefangene waren die Früchte zweier Stunden Arbeit. Unser Verlust soll sich auf 1'000 Mann Tote und Verwundete belaufen haben.
Ungeachtet dieses erfochtenen  Sieges setzte sich unser Armeecorps rückwärts in Bewegung, sodass wir den 3. in Polotzk, einer Stadt am rechten Ufer der Düna, waren. Die zwei ersten Divisionen blieben auf dem rechten und die dritte Division, die schwere Cavallerie und Artillerie, kamen auf das linke Ufer der Düna
Den 4. schon zeigte sich der Feind auf ¾ Stunden von Polotzk; das Gewehrfeuer wurde lebhaft gehört, welches ein paar Stunden gedauert haben mag; - wir vernahmen nachher, dass es eine feindliche Rekognoszierung gewesen sei und dieselbe habe sich wieder zurückgezogen.
Den 5. nahm die dritte Division ihre  Stellung wieder auf dem rechten Ufer.
Den 6. stiess das sechste Armeecorps, Bayern, zu uns, das den bayrischen General Wrede an der Spitze hatte; diesem Corps wurde der General Gouvion St. Cyr beigegeben, der den Oberbefehl desselben übernahm. Gedachtes Armeecorps soll beim Abmarsch aus München 30'000  Mann stark gewesen sein und zählte nur noch 16'000 Köpfe. Mit dieser Verstärkung durfte der Feind wieder aufgesucht werden.
Am 12. trafen wir den Feind beim Schloss Swolna in Position auf dem rechten Ufer der Drissa. Wir, d.h. die dritte Division, waren abermals in Reserve; jedoch hörten wir lebhaftes Kleingewehrfeuer, das vom Mittag  bis in die Nacht dauerte. Gegen Abend hörten wir nur noch Kanonendonner, den wir gut unterhalten fanden, und der Effekt desselben war, dass die Kugeln à la Ricochet durch unsere Glieder sprangen – Unser Gesamtverlust wurde zu 200 Toten und 600 Verwundeten angegeben; die erste Division soll allein im Gefecht gewesen sein; 200 Russen wurden zu Gefangenen gemacht, gegen welche wir eine Escadron Chasseurs verloren, die in einer Charge zu weit sich entfernt hatten und dann abgeschnitten wurden.

Dem Brigade-General Amey aus dem Kanton Freiburg, der die erste Brigade von er dritten Division kommandierte, wurde sein Pferd unter dem Leibe durch eine Kanonenkugel getötet. Aus den feindlichen Bewegungen und unserem darauf in der Nacht erfolgten schnellen Rückzuge mussten wir schliessen, dass der  Feind manövriere uns abzuschneiden.
Am 14. waren wir wieder bei Polotzk und nahmen folgende Stellung: Unsere Armee bildete auf dem rechten Ufer einen halben Kreis; die Flügel lehnten sich beiderseits mit dem Rücken an die Düna, das Centrum stand etwas weiter vorwärts und ein Teil der schweren Artillerie ging auf das linke Ufer über; die dritte Division stand rückwärts in Reserve.
Am 16. August griff der Feind unsere Vorpostenlinie an, dem es aber nicht gelang, sich ausserhalb des Waldes zu behaupten.

 

Schlacht den 17. und 18. August

Am 17. begann das Feuer mit Tagesanbruch; unsere Vorpostenlinie wurde geworfen und um 9 Uhr sah man den Feind in dem angebauten Feld vor uns aufmarschiert; ein mörderisches Feuer begann seinerseits auf unsere erste Linie. Wenn auch dieser Tag keine förmliche Schlacht zuwegbrachte, so wurde er für uns doch sehr nachteilig, indem  bis in die dunkle Nacht ein lebhaftes Feuer ununterbrochen fortgesetzt wurde.
Unser Marschall Oudinot erhielt bei der Dämmerung auf einer Rekognoszierung von einem Haubitzen-Splitter an der rechten Schulter eine Wunde. Zwei bayrische Generäle und verschiedene Stabsoffiziere wurden getötet oder verwundet; der Verlust an Subalternoffizieren wurde auf 50 und jener der Mannschaften auf 2'000 Tote oder Verwundete angegeben; der des Feindes muss weit beträchtlicher gewesen sein, indem derselbe verschiedene Male, als er vordringen wollte, mit dem Kartätschenfeuer zurückgeschlagen wurde.
Unsere Vorpostenlinie war Abends um 1'000 Schritte weiter zurück, als des Morgens. Bei diesem Gefecht hatte die Cavallerie beider Teile nichts geleistet.
Am 18. des Morgens wurden die Schwerverwundeten vom Schlachtfeld aufgehoben und die Toten beerdigt; da bei diesem Unternehmen beiderseits nicht geschossen wurde, so war wahrscheinlich unter den Kommandierenden ein Waffenstillstand von einigen Stunden abgeschlossen worden.
Ein Tagesbefehl benachrichtigte uns noch an demselben Morgen, der General-Lieutnant Gouvion St. Cyr habe das Kommando auch von unserem zweiten Armeekorps übernommen. Ob nun dieser General keinen zweiten Angriff auf die Stadt, die noch überall offen stand, abzuwarten gedachte, oder ob er bei Übernahme des Oberbefehls durch eine Schlacht sich hervorzutun suchte, lasse ich dahingestellt; allein der Kriegsrat, den er zu diesem Ende versammelte  und der aus Divisions-Generalen gebildet war, beschloss einen Angriff.

Der Ober-General bestimmte unsere Division abermals zur Reserve, welches den übrigen Divisionären  nicht gefiel, die verlangt haben sollen, dass die dritte Division, da sie noch nie im Feuer gestanden habe, diesmal die „tête“ nehmen möchte etc.etc. Darauf soll ihnen der Ober-General geantwortet haben: „Meine Herren! Ich kenne die Schweizer, ein Bataillon des ersten  Regiments stund bei Castelfranco in Italien unter meinen Befehl; zum Angriff sind die Franzosen rascher, aber sollte es zum Rückzug kommen, so können wir auf den Mut und die Kaltblütigkeit der Schweizer sicher zählen und aus diesem Grunde müssen sie mir noch heute in der Reserve bleiben.“
Der Angriff war auf 5 Uhr abends beschlossen. – Wir sahen unsere schwere Artillerie vorrücken, welche auf dem linken Ufer gestanden hatte. Kleine Vertiefungen und Gartengenbüsche sicherten dieses Unternehmen mit bestem Erfolg, ohne dass der Feind es wahrgenommen hätte.
Ich war an diesem Tag bei Brigade-General als Ordonnanzoffizier und konnte daher an seiner Seite ein ungestörter Beobachter sein. Von der Stelle aus, wo anfangs der Ober-General und sein Stab gestanden hatte, konnte man beinahe die Linie beider Armeen übersehen, welches einen imposanten Anblick darbot, aber auch zugleich unsererseits die Verwegenheit zeigte, einen weit stärkeren Feind anzugreifen, dem man wenige Stunden vorher das rechte Ufer überlassen zu müssen glaubte.
Aus ca. 200 Kanonen schallte der Donner furchtbar einander entgegen; ja dieser war so stark, dass das Kleingewehrfeuer kaum gehört wurde. – Unsere Massen rückten überall vor, die Artillerie mehrtheils auf den Flanken habend, bis sich jene deployierten. Die feindliche erste Linie wurde auf die zweite geworfen, Kanonen wurden erbeutet, die dann nebst einigen  unserer grossen Stücke von den russischen Dragonern wieder genommen wurden; kaum aber hatten sich diese mit ihrer Beute umgekehrt, so mussten sie jene Kanonen mit den ihrigen, die schon einmal genommen waren, unseren wackeren Kürassieren überlassen. Unser Centrum wurde durch eine Abteilung feindlicher Dragoner durchbrochen und schon war unsere dritte Division zum Feuern auf sie bereit, als von der rechten Seite unsere Kürassiers furchtbar über die Dragoner herfielen; diese letzteren mussten mit Verlust die Flucht ergreifen; nur wenige davon wurden gefangen.
Die Schlacht war blutig, indem der Feind hartnäckigsten Widerstand leistete. Bei den  Engpässen der  zwei Strassen, woher der Feind gekommen war, wurde durch das Gedränge die Verwirrung vollständig und die Flucht allgemein. Was sich von Infanterie auf den Strassen nicht retten konnte, warf sich in den Wald und entkam so unserer Kavallerie, die ihnen auch den Fersen war; wäre die Sonne ein paar Stunden später untergegangen, so hätte der Feind die Hälfte seines Korps eingebüsst; allein die Nacht rettete die Fliehenden.
Der Verlust der Russen wurde angegeben auf 3'000 Tote; 4'000 Verwundete nebst 1'000 Gefangenen wurden nach Polotzk gebracht, sowie 13 Kanonen mit bespannten Pulverwagen. Ein General und mehrere Offiziere befanden sich unter den Gefangenen.
Unser Befehlshaber erhielt am rechten Fuss einen Streifschuss, zwei andere Generale waren verwundet, zwei Obersten getötet, mehrere Stabsoffiziere und an 120 Subalternoffiziere waren getötet und verwundet; unser Verlust an Unteroffizieren und Mannschaften wurde auf 2'000 Tote und 3'000  Verwundete angegeben. Auf den Stellen, wo die Flucht des Feindes allgemein erfolgte, schauderte jeder vor dem grässlichen Anblick zurück; alle Schwerverwundeten fanden sich des andern Morgens in grosser Menge daliegend, die nichts  als Woda (Wasser) verlangten. – Diese Unglücklichen, Freund und Feind, wurden von unseren Leuten aufgehoben und nach der Stadt in die Ambulance gebracht.
Die Bayern haben sich in dieser Schlacht besonders gut gehalten; sie mussten dem Feind zwei Mal, als jener auf dem Punkte war, ihre Linie zu durchbrechen, das Bajonnet fühlen lassen und beim letzten Mal warfen sie denselben so heftig, dass ihnen dabei eine russische Batterie von 6 Stück in die Hände fiel. Gouvion St. Cyr erhielt vom Kaiser den Marschallstab; 120 Dekorationen wurden unter der Armee ausgeteilt, wovon die Bayern allein 60 erhielten; alle vacant gewordenen Plätze wurden wieder besetzt.

 

Die Schweizer im Vordertreffen. Lagerleben. Ruhrkrankheiten

Den 25. August bildete zum ersten Mal unsere Division die erste Linie und wir bezogen die äussersten Posten bei Ropna und Gamselova auf den Strassen von St. Petersburg und Riga.
Der Feind hatte sich nach der Schlacht vom 18. August daselbst gesammelt und bildete seine Linie der Vorposten, allein unser Bataillons Voltigeurs vom ersten Regiment, welches der Kommandant Dulliker von Luzern befehligte, tat beim Erblicken des Feindes keinen einzigen Schuss, sondern warf sich mit dem Bajonett gleich über ihn her; nur diejenigen, die augenblicklich  bereit standen und die Flucht ergriffen, fanden ihre Rettung; 200 Gefangene wurden in das Lager gebracht.
Des anderen Tages, als wir das Voltigeur-Bataillon mit unseren Grenadieren ablösten, war die Vorpostenkette des Feindes von der unsrigen 1'000 Schritte entfernt. Der Befehl erging, uns in dieser Stellung bei einem Angriff zu behaupten, bis Verstärkung geschickt werde, und ohne Not keinen Schuss zu tun, was auf das Strengste den Schildwachen anbedungen wurde.
Die angebauten  Felder von Polotzk erstreckten sich   ¾ bis eine Stunde weit; wir lagerten hier auf unserem früheren Lagerplatz. – Die Distanz des zweiten Korps von einem Flügel zum anderen betrug eine Stunde. – Wir lagerten wie folgt: Die zweite Brigade unserer Division, die das erste und zweite Schweizerregiment bildeten, kam mit der Spitze 700 Schritte weit vom Walde dicht an die Strasse von St. Petersburg zu liegen; durch diese Strasse sieht man auf eine halbe Stunde weit in gerader Linie in den Wald hinein. Sie ist schlecht unterhalten und bringt den Wanderer durch einen sumpfigen Boden nach Ropna, eine gute Stunde von unserem Lager entfernt. Alle 24 Stunden wurde das dort befindliche Vorpostenbataillon von einem anderen abgelöst, dem jedesmal  ein starkes Piquet Cavallerie beigegeben wurde.
Von der ersten Brigade unter General Amey  wurde das vierte Schweizerregiment in die Stadt Polotzk verlegt, während das Regiment Croaten (Illyrer) dicht an der Düna lag;  sie formierte den linken Flügel. Das 3. Schweizer- und das 123. Linienregiment kamen rückwärts Polotzk in Cantonnements. Die zur  dritten Division bestimmte Cavallerie und Artillerie hatten ihre Lager rückwärts dem Centrum. Ein Teil des sechsten Armeekorps (Bayern) kam anfangs hinter unsere Division zu liegen und bildete die zweite Linie; die andere Hälfte bedeckte auf dem Linken Ufer Disna.
Diese Verteilung, die nach dem Treffen des 18. eingetretene Ruhe, die vielen kleinen Brustwehren, die angelegten und mit Palisaden umgebenen, stark befestigten grossen Schanzen längs der ganzen Linie, die Vernichtung aller Gartengebüsche, Bäume und Häuser auf dem rechten Ufer zwischen unseren Linien, die Zufuhr der Frucht, die angelegten Magazine, die Zurückkehr der Polen und Juden  (geflüchtete Einwohner der Stadt) und der damit gekommene Verkehr, für deren Sicherheit den Bürgern Sauvegarden  gegeben wurden, musste uns auf den Gedanken bringen, ferneren Eroberungen für dieses Jahr zu entsagen und auf Winterquartier bedacht zu sein.
Unsere Lager-Baracken wurden in kurzer Zeit gut eingerichtet und sahen beinahe besser aus, als der russischen Bauern Wohnung. Ich versah mich mit einer Quantität Fleisch und Würsten, die ich räucherte und deren ich bis zum 18. Oktober so viele Stücke in Vorrat hatte, dass ich für meine Person den Winter durch keinen Mangel haben würde.
Der Mangel an Lebensmitteln wuchs indes von Tag zu Tag. Dass Austeilungen von Brot oder anderen Nahrungsmitteln, ausgenommen Fleisch, bei unserer Brigade stattgefunden haben, kann ich mich nicht erinnern. Die Nahrungsmittel wurden beinahe alle Tage bis 8, 9 und 10 Stunden weit auf dem Rücken des Marodeurs ins Lager gebracht, welche dass meist magaziniert wurden.
Fünfzehn bis achtzehn Mann pro Compagnie waren täglich auf dem Marodir-Weg, so dass uns im Lager ausser denjenigen, welche im Dienst waren, nur noch wenige Mannschaft übrig blieb. Während der Dauer dieses Feldzuges gingen der Armee auf solche Art Tausende verloren; es ist gewiss nicht zu viel gesagt, diese Zahl auf 40'000 Mann anzugeben, worunter im Durchschnitt die herzhaftesten und besten Soldaten waren. Viele mögen in den Waldungen, wo man auf viele Kreuzwege stösst, ohne Wegweiser anzutreffen, sich verlaufen haben und dann von den Bauern, denen die Waldungen ihr Aufenthalt geworfen, angefallen und niedergemacht worden sein, während andere von den Kosaken-Abteilungen weggenommen wurden. Wohl möglich, dass viele Zum Feind bei diesem Anlass übergingen, um dadurch einem beinahe sichtbaren Hungertode zu entgehen. – Die Ruhr herrschte bei dieser schlechten Lebensart im ganzen Lager auf das Heftigste, besonders den September durch; mehrere Hundert starben dahin; diejenigen, die sich wieder erholten, blieben noch lange Zeit Bildern des Todes ähnlich.
Auch mich traf dieses harte Los; ich lag über 8 Tage in der Stadt bei einem Juden auf Stroh, und da mir der Appetit  drei volle Tage fehlte, so blieb mir wenig Hoffnung zur Herstellung; allein die Gegenwart von fünf anderen Offizieren, die dieselbe Krankheit hatten, machte mir meine Lage erträglicher; ich war jedoch so schwach, dass ich den Wänden nach mich haltend, gehen musste. – Den vierten Morgen  endlich ging bei mir ein Bedienter vorüber, der einen wohlriechenden Braten seinem Herrn brachte; meine Lebensgeister schienen wieder zu erwachen: indem ich mich aufrichtete, sagte ich ihm: „Wenn dein Herr den wohlriechenden Braten nicht aufessen mag, so bringe mir doch den Rest.“ – Bald darauf brachte mir dieser gefühlvolle Mensch den Rest, der noch ein schönes Stück war; ich verzehrte die Hälfte mit einer besonderen Lust, das Übrige  gab ich dankbar wieder zurück. Von diesem Tage an musste mir mein Bedienter bald Gersten-, bald Reissuppe und Schafsbraten zubereiten; Pfeffer, Zimmet und Muskatnuss brauchte ich in ziemlicher Quantität in die Suppen, und dieser Arznei verdankte ich meine Rettung, denn Doktoren waren keine sichtbar. Vier Tage darauf hatte ich meinen regelmässigen Stuhlgang wieder; die Ruhr beförderte jenen bei mir bis auf 60 Mal in 24 Stunden. Ich wiederhole, dass die Spezereien meine Medizin waren, die aber nichts weniger als wohlfeil war; ich bezahlte für jene eingekauften Artikel bis zum 18. Oktober nicht weniger als 6 Dublonen. Diesem Gelde und an 17 anderen Stücken, die mir für die Retraite noch im Sack eingenäht übrig blieben, verdanke ich den für mich glücklichen Ausgang dieses denkwürdigen Feldzuges  von 1812.
Als ich mich bei meinem Oberst meldete, der auch sehr krank war, dass  ich wieder hergestellt sei und auf dem Weg, ins Lager zu gehen, sagte mir Herr Doktor Major Heumann von Nidwalden, der auch in der Kammer des Obersten war, ich werde bald wieder umkehren, indem die im Lager herrschende Ruhr ansteckend sei. Ich gab ihm zur Antwort: „Die Dienstpflicht ruft mich auf meinen Posten, und Pfeffer, Zimmet und Muskatnuss habe ich im Sack; mit diesen habe ich ohne des Arztes Rat geholfen und es wird hoffentlich weiter Bestand halten.“ „C’est remede de cheval, qui vous tuera“  (Das ist ein Pferdemittel, das Sie tötet), gab er zur Antwort.
Ich verwarf des Doktors Rat und kam um die Mittagsstunde im Lager an, es war der 13. Oktober, allein  es erwahrte sich, was  Heumann zu mir gesagt hatte, indem es mich den nämlichen Tag noch 15 Mal abführte. Die Zuflucht zu meiner Spezerei half jedoch so weit, dass ich meinen Dienst vornehmen konnte.
Die Bayern konnten dieses Elend am wenigsten ertragen; sie waren zu schwach, sich die nötigen Lebensmittel zu holen, das Fleisch war demnach ihre einzige Nahrung. Täglich starben 12 bis 20 dieser Unglücklichen; ich habe mehrmals solche hinfallen sehen und verscheiden, und manchmal traf man des anderen Tages dieselben Cadavers noch am nämlichen Orte an; - Folgen einer schlechten  Polizeiordnung.
Unser Armeekorps erhielt den 12. Oktober einen Zuwachs von ca. 5'000 Mann, wobei ca. 1'000 für die Schweizerregimenter waren. Während dieser nachteiligen Ruhezeit, wo wir so viele Mannschaften verloren, *) erhielt die Armee von Wittgenstein bedeutende Verstärkungen, und da dem Kaiser von Russland der schlimme Zustand der grossen Armee durch die vielen Überläufer und Gefangenen nicht unbekannt bleiben konnte, beschloss derselbe, die fremden Gäste mit Macht und Nachdruck anzugreifen, wozu auf der ganzen Linie der 18. Oktober bestimmt war.

*)Schon den 15. September zählte das erste Schweizerregiment nach „Rösselets Souvenirs“ nur noch 1'063 Mann; es hatte also ohne besondere Gefechte bereits 864 Mann verloren.

 

Gefecht beim Kirchhof in Ropna

Den 17. Oktober wurden gegen Abend unsere Vorposten angegriffen und der Feind  würde wahrscheinlich uns noch im Lager sichtbar geworden sein, wäre nicht noch zur rechten Zeit unser Grenadierbataillon unter dem Kommando des Hauptmann Gilly in Ropna zur Verstärkung herbeigeeilt. Dieses Bataillon gewann noch Zeit, sich auf dem dortigen Kirchhof, der mit einer  5 Fuss hohen Mauer umgeben war,  aufzustellen und erwartete daselbst die Ankunft des Feindes. Hier ist der Ort, wo sich die Strassen von St. Petersburg und Riga dicht an diesem Kirchhof vereinigen. Nun denke man sich die wohl  angebrachten Schüsse hinter dieser Mauer hervor auf den Feind, der in Colonnen anrückte. Der Wald war so dicht, dass die Infanterie mit Not durchkam. Die kleinen Vorposten hatten sich schlagend langsam zurückgezogen und zuletzt in  oben bemeldeten Kirchhof geworfen.
Den gewiss mörderischen Widerstand nicht achtend, marschierte der Feind vorwärts und das Bataillon nebst den anderen auf dem Kirchhof sahen sich eingeschlossen. In dieser Stellung verschossen die Belagerten ihre letzten Patronen, deren jeder 60 Stück hatte. Dieser Umstand und die eingetretene dunkle Nacht forderte den schnellen Rückzug; wie grimmige Löwen warfen sie sich auf die nächststehenden Russen. Die Anwendung des Bajonett mochte wohl eine Viertelstunde gedauert haben, bis sie sich wieder Meister der Strasse gemacht hatten, die diese Braven endlich nach dem Lager zurückbrachte; allein der Verlust, den dieses Bataillon erlitten hatte, war für unser Regiment ein empfindlicher Schlag.
Der kommandierenede Gilly von Luzern wurde von einer der letzten abgeschossenen Kugeln getötet, als er schon die Satisfaktion hatte, sich aus dem Handgemenge befreit zu sehen. Der Kapitän Druey, ein Freiburger, wurde  am Kopf verwundet, 150 Grenadiere wurden bei dem Appell vermisst, die wahrscheinlich mehrteils gefallen waren, und 50 Verwundete waren unter den Zurückgekehrten, die mehrteils Bajonnetstiche hatten.
Der Verlust des Feindes muss ohne Zweifel vier- bis fünffach grösser gewesen sein.  Dieser begnügte sich, unsere Vorpostenlinie in Besitz genommen zu haben und verhielt sich ruhig.

Die Grenadiere der Kompagnie Gilly brachten getragen ihren Hauptmann in das Lager, wo derselbe in Gegenwart des ganzen Offizierskorps der Brigade in der Mitte vor der Front seines Bataillons begraben wurde; es war 11 Uhr Nachts; die übrigen leicht Verwundeten wurden noch selbige Nacht verbunden-
Ich hatte diesen Tag die Polizeiwache im Lager des Regiments und verlangte bei der ersten Nachricht, die Vorposten seien angefallen worden, mit zu marschieren; allein ich bekam vom Oberst selbst zur Antwort, man könne mich, da ich schon im Dienst stehe, der Kompagnie nicht folgen lassen, was mir sehr leid war, an diesem ehrenvollen Gefecht keinen Anteil  genommen zu haben.
Sobald die Kunde im Lager erschallte, unserer Vorposten seien im Kampfe, herrschte die grösste Tätigkeit mit Einpacken. Die Bagagen wurden auf das linke Ufer der Düna gebracht, ebenso alle Reconvalscenten, die noch nicht stark genug waren, Meine wohlriechenden Würste samt dem übrigen Vorrat packte ich in einen Commissack, der voll wurde; allein in derselben Nacht schon wurden die Würste zum Verräter und es werden sich Liebhaber genug gefunden haben, dieselben mit Lust zu verzehren, indem nachher keine Spur mehr aufzufinden war. Dieses war für mich um so ärgerlicher, da ich mich nicht erinnere, von diesen Würsten genossen zu haben und somit nur mit dem Geruch mich habe zufrieden geben müssen.

 

Die Schlacht bei Polotzk den 18. Oktober

Die Nacht hindurch stand alles unter den Waffen, die Patrouillen  kreuzten sich unaufhörlich; sie verstrich uns unter den fröhlichsten Gesprächen. Sehr oft sahen die Herren Offiziere beider Regimenter, die Front auf- und abgehend, einander und der grauende Morgen wurde von uns mit Begierde erwartet. Wir drückten einander die Hände mit den Worten: „Was meinst, Freund! Kamerad! Werden wir den Russen auch einmal zeigen, dass sie es mit Schweizern zu tun haben?“ . „Ja freilich, das versteht sich, die Reihe ist einmal an uns, Früchte des Muter zu ernten“, hiess es im Allgemeinen. Andere riefen voll Begeisterung: „Wir bleiben stehen bis auf den letzten Mann!“     Andere wieder nachschreiend: „Schweizertreu ist alltag neu!“ und „ wenn wir schon in geringen Anzahl dastehen, so soll der Feind unseren Mut teuer bezahlen!“
Bei den Unteroffizieren und den Mannschaften herrschte dieselbe Stimmung, die um ihre Wachtfeuer herum ruhig ihre Pfeifchen sich schmecken liessen. Der Vorpostenkampf erweckte bei denjenigen, welche bis dahin nur Zuschauer sein mussten, eine recht verlangende Gefechtslust, sich mit dem Feind endlich einmal zu messen.
Die feindliche Colonne, welche gegen uns im Anmarsch war, wurde auf 12'000, die gegen den rechten Flügel auf 20'000 und die, welche am 17. abends   die Düna bei Drisna passierte, auf 8'000 Mann angegeben. Somit hatten wir es mit 40'000 Mann zu tun, denen es in ihren Lagern an nichts gebrechen konnte, indessen  ein Drittel von uns Abzehrenden ähnlich waren und wir in allem höchstens 25'000 Mann ihnen entgegenstellen konnten.
Die Bayern und ein Regiment Kürassiere hatten noch denselben Abend ihr Lager verlassen, um zur Verstärkung des sich auf dem linken Ufer der Düna befindenden sechsten Armeekorps zu stossen, so dass uns auf dem linken Flügel mit den Croaten, die noch 1'000 Mann hatten, nicht mehr als 3'000 Mann streitfertig blieben. – Unsere Cavallerie stand auf dem rechten Flügel, weil auf jene Seite die angelegten Verschanzungen noch nicht   vollendet waren, wogegen die Schanzen auf unserer Seite unseren allfälligen Rückzug zu decken hatten.
Am 18. morgens, als de Tag zu grauen begann, fielen schon einige Schüsse auf die äussersten Posten, und als es heller wurde, begann das Kleingewehrfeuer lebhafter zu werden. Eine halbe Stunde später kündigte unsere Batterie von 6 Stück, die an der Öffnung des Waldes auf der Strasse hinter einer daselbst aufgeworfenen Brustwehr aufgestellt war, durch den Donner der Kanonen den erreichbar anmarschierenden Feind an. Die feindliche Artillerie und Cavallerie hatten keinen anderen Weg vor sich als diesen und nur mit Mühe arbeitete sich die feindliche Infanterie zur Seite in dem sumpfigen Wald durch, welche in demselben von unseren Plänklern anderthalb Stunden lang aufgehalten wurde.
Erst als die feindlichen Plänkler den äussersten Rand des Waldes zu beiden Seiten der Strasse erreicht hatten, retirierte unsere Batterie nach einem gewiss mörderischen Feuer – indem sie beinahe eine halbe Stunde lang anhaltend ihre Kartätschen auf den langsam herannähernden Feind abbrennen konnte – hinter eine rückwärts angebrachte Seitenschanze, von wo aus sie den Feind  sogleich mit Erfolg mit Kanonenkugeln beschoss.
Während unsere Plänkler einige Verstärkung erhielten, stellte sich unsere Brigade rückwärts vom Lager auf Schussweite in zwei Treffen mit  Bataillons-Angriffscolonnen aufs. – Sobald unsere Artillerie die erste Schanze verlassen hatte, konnte der Feind auch seine Artillerie aufführen Mit dem ersten russischen Kanonenschuss hörten wir ein grässliches Hurrageschrei. -  Bei diesem Vorgang ging unser verlassenes Lager durch unsere Tirailleurs in Flammen auf; der dicke ausgedehnte Rauch des brennenden Lagers verbarg dem Feind eine lange Zeit unsere Stellung und hielt denselben in seinen Operationen so lange auf, bis auf’s Neue der russische Kanonendonner erschallte, wobei dann auch das Hurrageschrei wieder  ertönte.
Die feindlichen Kanonenkugeln sprangen à la Ricochette dicht an der linken Flügelspitze unserer Masse vorbei auf das Grenadierbataillon des zweiten Regiments, welche sogleich einige Mann verlor.  Wir deployierten darauf unsere Massen und begrüssten die rasch anmarschierende feindliche Infanterie auf’s Beste mit einem wohl unterhaltenen Rottenfeuer, so dass sie auf 7 – 800 Schritte vor uns doch stehen blieb.
So mögen wir einander  eine halbe Stunde lang gegenüber gestanden haben, als das Feuer des Feindes erstillte. Auf einmal brach die Cavallerie (Dragoner und Kosaken) hinter der Infanterie hervor und sprengte unter lärmendem Hurrah auf uns an;  im Augenblick aber waren auch unsere Massen formiert und erst als dieselbe etliche 70 Schritte vor uns entfernt war, fällte das erste Glied die Gewehre und die anderen schossen auf die uns umgebende Cavallerie, die dicht vor den Bajonetten sich tummelte. Die gut gezielten Schüsse taten ihre Wirkung, viele stürzten von ihren Pferden und die anderen sprengten schnell zurück. Sowohl die Infanterie als die Artillerie begann nun wieder ihr Feuer auf das Lebhafteste.
Während wir uns durch ein Rechtsumkehrt auf 150 Schritte in raschem Schritt rückwärtsbegeben hatten, hiess es: “Halt! In Front erstellen!“ was augenblicklich richtig war. Wir standen in bester Ordnung, als wir einen furchtbaren Schwarm Cavallerie auf uns zum zweiten Mal anrennen sahen; wahrscheinlich glaubten sie uns noch bei Zeiten in den Rücken fallen zu können; allein das zweite Mal ging es ihnen schlimmer als das erste. Da sie glaubten, solch kleine Massen aufheben zu können, so taten sie alles, was des mutvollsten Kriegers Sache ist; es klipperte diesmal in den Bajonetten, allein die Grenadiere hielten sie fest in den Händen, indessen die inneren Mannschaften nach allen Seiten Front machten und Schuss für Schuss, Mann für Mann fiel; so kostete dieser längere Aufenthalt viele mutvolle Reiter. Sie waren auf 70 – 100 Schritt zurückgesprengt, so fiel noch der Kartätschenhagel von unseren Batterien über sie her.
Schnell machten wir abermals Rechtsumehrt und diesmal durch unsere Flankenbatterie unterstützt, kamen wir auf 4 – 500 Schritt rückwärts, wo wir uns wieder in Front erstellten. Eine russische reitende Batterie suchte jeden Augenblick zu benutzen, ihr wohl angebrachtes verheerendes Feuer auf uns abzubrennen. Kaum waren wir deployiert und hatten das Rottenfeuer begonnen, mussten wir eilends die Massen wieder bilden, indem wir immer von den Cavalleristen beunruhigt wurden.
Im Schrägmarsch zogen sich die Voltigeurbataillione auf jene die Grenadiere und, in Folge einer Wendung des feindlichen rechten Flügels stark nach rechts, musste unsere Artillerie schweigen. – Sowie dieses Manöver ausgeführt war, sahen wir die ganze feindliche Cavallerie in raschem Trabe zum dritten Mal auf uns anrennen. Der Schock war für beide Regimenter heftig und gefährlich; schon durch das Zusammenstossen beider Bataillone gab es Verwirrung, und da dass zweite Regiment noch stärker gedrängt wurde, als das unsrige, so warf sich dasselbe, sich fechtend zurückziehend, auch noch auf uns, sodass unsere Brigade nur noch eine einzige Masse bildete.
Dem Feind immer die Stirne bietend, bewegten wir uns schlagend, um nicht abgeschnitten zu werden, rückwärts, fest aneinander haltend. Man sprang rückwärts, um die abgeschossenen Gewehre neu zu laden und wieder vorwärts, sie abzufeuern. Beim letzten heftigen Cavallerieanfall in der Front und auf den Flanken schien es dem Oberst Raguettli, als ob wir die Flucht zu nehmen bedacht wären; da erhob er furchtbar seine Stimme: „Ihr Leut! Ihr Leut! bleibt stehen! wicht nicht zurück! bleibt stehen!“ Diese Stimme beseelte mit neuem Mut dich noch Fechtenden und so gelangten wir endlich in die Vertiefungen und unter den Schutz unserer grossen Batterien, deren Feuerschlünde nun durch verheerendes Kartätschenfeuer über unseren Köpfen  hinüber den feindlichen Verfolgern Halt geboten.
Das dritte Schweizerregiment erschien in demselben Augenblick auf der über der Polota (ein Zufluss der Düna) befindliche Anhöhe zu unserer Unterstützung und konnte die Gewehre noch abbrennen, während wir unten am Ufer dieses kleinen Flüsschens waren, als der Feind zur Retraite sich neigte. Nachdem wir die Polota passiert hatten – ein Wässerlein, das bis an die Knie rechte -  und die Anhöhe, welche das dritte Regiment besetzt hielt, erreicht war, so wurden rückwärts derselben unsere Leute wieder geordnet.
Bevor ich an das Ufer der Polota gekommen war, sah ich in der Tiefe den Regimentsadler ohne Bedeckung; ich fragte den Porte-Aigle, was das sei, dass er allein und ohne Wacht sich befinde. Und erhielt zur Antwort: „ Die Wacht ist tot und auch ich habe im rechten Schenkel eine Wunde.“ – Hierauf rief ich noch zwei Unteroffiziere herbei und befahl ihnen und dem Porte-Aigle, mir nicht mehr von der Seite zu  gehen. Wir passierten den Bach und erstiegen die Anhöhe, die wir sehr steil fanden und wo wir den Anlass noch hatten, den Effekt der Kugeln des Kleingewehrfeuers zu bemerken, die neben uns, was ihnen nicht verwehrt war, zahlreich in die Erde schlugen. Wir verloren bei dieser Erklimmung noch mehrere von unseren braven Waffengefährten und dies noch am Ende des blutigen Tagesgeschäftes. Unter anderen  wurden auf dieser Stelle und von den letzten Schüssen der Capitän  Bezencenet und die Lieutnants Boisot Lombardet, alle drei Lemaner, getötet und viele andere mehr.
Kaum war ich auf der Höhe angekommen, so wurde ich zu meiner Freude den Oberst gewahr, umgeben von mehreren Offizieren. Ich ging mit dem Porte-Aigle, einem Serganten, auf ihn zu und meldete ihm, was mir derselbe in der Tiefe gesagt hatte und dass dieser Mann auch selber verwundet sei. Der Oberst war zufrieden und gab den Befehl, den Adler einem anderen zu übertragen; der Verwundete kam direkt in die Ambulance.
Nach diesem Geschäft kehrte ich zurück zur Linie des dritten Regiments.  Es fiel mir sogleich eine Abteilung russische Infanterie von 60 – 70 Mann in die Augen, die in der Tiefe unten kniend auf unsere Kanoniere einer nahen Batterie ein anhaltende Feuer noch fortsetzten, indes die Übrigen sich im Rückzuge befanden. Ich verlangte vom Oberst-Lieutnant des Korps,  in dessen Nähe ich waar, er möchte mir nur 30 Mann geben, so werde ich mein Bestes tun, sie aufzuheben; allein er entschuldigte sich, er habe zu wenig Leute, was mir sehr leid war. Bald darauf führte, was ich so gerne unternommen  haben würde, zu meiner Freude ein französischer Offizier, der dieser Batterie zur Bedeckung diente, mit gutem Erfolg aus. Er hatte zwar nur 25 Mann, da er ber zerstreut mit der grössten Schnelligkeit über sie her fiel, die Russen aber die Flucht ergriffen, so machte er alle zu Gefangenen, welche er durch Laufen einholte; er machte so viele Gefangene, als sein Detachement stark war.
Durch das grosse Geschoss hatte das zweite Regiment bedeutend mehr gelitten als wir, aber auch unser Verlust war bedeutend.  Den Kommandant von Dulliker, den zweiten Lieutnant Kobelt und die drei schon benannten Lemaner Offiziere zählten wir unter den Toten, und 11 Offiziere wurden verwundet, worunter drei gefährlich. Besonders muss ich unter diesen letzteren den Hauptmann de Camares, einen Lemaner, der das Grenadierbataillon kommandierte, nennen. Diesem schlug beim Rückwärtsmarschieren nach der ersten Cavallerie-Charge, als er sich in die Colonne hinein machen wollte, um den ricochettierenden Kugeln auszuweichen, eine Kanonenkugel vom rechten Schenkel bis an die Röhre ein grosses Stück Fleisch weg; der Führer und mein Bedienter verloren von derselben Kugel beide ihren rechten Schenkel, was dem de Camares auch bevorstand, wäre derselbe nur um 4 Zoll weiter auswärts gestanden; alle drei fielen vor meinen Augen wie von Blitze getroffen auf  den Boden. Die Neugierde trieb mich gleichzeitig von der Mitte meines Plotons auf die Flanke, um zu sehen, was im zweiten Regiment vorgehe, und ich war in demselben Augenblick kaum 2 Fuss entfernt, als dieser Schlag fiel. Ich fand dann für besser, in Zukunft auf meinem Posten zu bleiben, - Wir hatten den de Camares auf sein klägliches Geschrei „ mes camarades, ne m’abandonnez pas, eh mon Dieu! J’ai cassé ma jambe!“ durch zwei  Unteroffiziere von seiner Kompagnie sogleich wegbringen lassen. -  Unsere Brigade hatte über die Hälfte ihres Bestandes verloren; der Verlust an Unteroffizieren und Soldaten de ersten Regiment belief sich auf zirka 200 Tote und 300 Verwundete, und der des zweiten Regiments auf 8 tote und 25 verwundete Offiziere, zirka 250 tote und 380 verwundete Unteroffiziere und Soldaten. Unter den verwundeten Offizieren  des zweiten Regiment  befand sich der Kommandant Füssli von Zürich, ein junger mutvoller Stabsoffizier, der an seiner Wunde in Kowna gestorben ist. Dem Oberst des zweiten Regiments wurde sein Pferd unter seinem Leib getötet.
Das klagende Geschrei unserer stark Verwundeten erweckte unsere Teilnahme und auch zugleich den Mut, die Haut noch einmal zu wagen. Es fanden sich über 200 Freiwillige, die ihnen hilfreich die Hand boten: allein da die Cosaken zwei Dritteile des Schlachtfeldes noch beherrschten, so mussten jene geworfen werden, was durch die wohl getroffenen Dispositionen dieser Freiwilligen auch gelang, so dass die Ausplündernden der Beute entsagen mussten und lieber durch die Flucht ihre Erhaltung suchten. Von Zeit zu Zeit kamen die Cosaken mit ihrem Hurrageschrei angesprengt, allein einige wohl angebrachte Schüsse und nachher nur das Anschlagen allein bewirkten jedes Mal schnelle Flucht.
Die Zahl der aufgehobenen stark Verwundeten, die denselben Abend noch in die Ambulance gebracht wurden, belief sich etwa auf 250 Köpfe. Dieses Verhalten unserer wackeren Mannschaft ist ein sprechender Beweis, wie innig sie miteinander teilnehmend verbunden war und dem Feind wurde hinlänglich gezeigt, dass er es mit mutvollen Kriegern zu tun hatte.

Die Croaten, die in einer Charge nicht Stand gehalten hatten, sollen einige hundert Mann dabei eingebüsst haben. Sie wurden bis in die Polota geworfen, wo dieses kleine Wasser in die Düna fliesst.  . Dieses Wagestück bezahlte aber der Feind ebenfalls mit  bedeutendem Verlust, indem er einem gekreuzten Kartätschenfeuer wohl 10 Minuten lang blossgestellt war, da die Batterien vom linken Dünaufer ungehindert ihr  Feuer beginnen konnten.
Die zwei ersten Divisionen behielten ihre Lager durch den kräftigen Beistand unserer gemeinschaftlichen Cavallerie, jedoch nicht ohne Verlust vieler Toten und Verwundeten.
Auf dem linken Ufer der Düna war die feindliche Colonne bis 1 ½ Stunden von Polotzk vorgedrungen, allein die Bayern, so schwach sie auch waren, schlugen den Feind mit Hülfe erhaltener Cavallerie-Verstärkung über zwei gute Stunden weit zurück. – Unstreitig hat auch der uns gegenüberstehende Feind an diesem Tag viele Leute eingebüsst, wozu das Kartätschenfeuer am meisten beigetragen haben wird. -  Vom Lager bis in die Stadt hatten wir nur gut eine halbe Stunde Weg im heftigsten Kampfe gegen grosse Übermacht zurücklegen müssen. Wenn man also berechnet, dass wir vom Morgen bei Tagesanbruch bis 5 Uhr abends immer im heftigen Feuer ohne Reserve gestanden und ausgehalten haben, so kann dies als Beweis von Mut, Ausdauer und Standhaftigkeit  jedem Unparteiischen genugsam dienen, sowie es auch zeigt, was beträchtliche Schweizerkorps unter guter Anführung noch heutzutage im Stande wären auszuführen.

 

Räumung von Polotzk

Am 19. Morgens passierte unser Brigade-General Baron de Canderas bei uns und wir wurden von ihm eingeladen,  einen Laufgraben der Linie nach aufzuwerfen, um uns gegen die feindlichen Batterien zu decken. Unsere Brigade hielt die schon erwähnte Anhöhe besetzt; - ohne Schaufel und Pickel fanden sich Schwierigkeiten, diese Grabarbeit auszuführen; allein ich fiel auf den Gedanken, das Terrain zu untersuchen und forderte dem Sergeant Kaa von meiner Kompagnie seinen Säbel ab. Denselben stiess ich auf mehreren Stellen in die Erde, der überall bis an das  Gefäss eindrang, indem es eine Sandhöhe war, und so begann die Arbeit in Gegenwart des Generals. – Mit den Säbeln wurde die Erde aufgelöst; rückwärts wurden die Dächer von den Häusern abgedeckt, wovon die leichteren Bretter zu Schaufeln gemacht wurden; schwere Balken, Fässer und Holzwerk wurden herbeigetragen und auf den äusseren Rand der Höhe gelegt und dann aller ausgegrabene Sand darauf geworfen. Mit diesem Arbeitszeug gelang es uns, bis 4 Uhr abends fertig zu werden, so dass wir einen 4 Fuss tiefen und 3 Fuss breiten Laufgraben unserer Linie nach erstellt hatten. Diesem Graben verdanken viele von uns das Leben.
Gegen Abend verbrannte unser rechter Flügel sein Lager im Angesichte des Feindes; der Wind trieb den dichten Rauch dem Feinde zu; währenddem wurden einige Kanonenschüsse gewechselt.
Der Rückzug unserer Armee über die Düna begann mit der einbrechenden Nacht. Der Feind verhielt sich anfangs ruhig; allein gegen 11 Uhr wurde sein Befehlshaber durch einige Deserteurs (Croaten) von Allem unterrichtet, was in der Stadt vorging. Gegen halb 12 Uhr begann seinerseits eine furchtbare Kanonade und Bombardement. -  Da unser Spital dem grässlichen Feuer ausgesetzt war, so veranlasste dieser Umstand unseren Marschall, einen Parlamentär an den Grafen Wittgenstein abzusenden mit dem Gesuch, den Spital zu schonen, der von Verwundeten angefüllt sei. Wittgenstein soll den Parlamentär gefragt haben, warum man sein Feuer nicht erwidere. Der Parlamentär antwortete, dass unsere Artillerie bereits alle auf dem linken Ufer stehe, was den Grafen sehr aufgebracht habe. Das Feuer begann noch heftiger als zuvor und auch vom Kleingewehrfeuer fiel ein Regen von Kugeln auf die Stadt; der Spital wurde jedoch auch ferner verschont.
Gegen 2 Uhr morgens stand die ganze Stadt in Flammen; die äussersten Häuser waren von unseren Leuten auf befehl angezündet worden, um desto besser das Anrücken des Feindes beobachten zu können. Es folgte ein Sturmanfall nach dem anderen, allein der Feind wurde gegen seine Erwartung mit Kartätschenfeuer sowohl als mit den blanken Waffen jedes Mal zurückgeworfen. Das dritte und vierte Schweizerregiment deckten den Rückzug gänzlich und hielten, als die wenigen Stücke unserer Artillerie auch abgezogen waren, noch die Strassen der Stadt selbst mit dem Bajonet drei oder vier Anfälle ab, während bis 4 Uhr das linke Ufer der Düna durch die übrigen Truppen in bester Ordnung und Stille erreicht wurde. Die Nachhut wurde endlich  so gedrängt, dass dieselbe nur mit Mühe noch die zwei Brücken zerstören konnte. Die genannten  Schweizerregimenter sollen in dieser Nacht  400 Mann verloren haben. Auf unsere Höhe hatte der Feind das Stürmen unterlassen und der Laufgraben deckte uns bis zum Abzuge vollständig.
Es erwahrte sich demnach, was der Marschall Gouvion St. Cyr über die Schweizertruppen den Divisionären gesagt, indem die Räumung von Polotzk auf das Beste und Mutvollste verteidigt wurde, was man den Schweizern hoch anrechnete, obschon die Blätter darüber schweigen.
Graf Wittgenstein soll bei seinem Einzug in Polotzk ganz betroffen gewesen sein, in allem nur 1'300 Schwerverwundete zu haben, die man seiner menschlichen Hülfe und Versorgung überlassen musste, besonders da  er glaubte, die Stadt mit Sturm erobert zu haben. Den 20. soll Graf Wittgenstein durch einen Parlamentär dem Marschall über seinen ehrenvollen Abzug seine Bewunderung zu erkennen gegeben haben.

 

Rückzug und Gefecht bei Borisow

Vom 21. bis 31. Oktober kamen wir über Uszacz nach Csaniki, wohin der Feind uns auf den Fersen folgte und uns sein Dasein  mit seiner leichten Artillerie ankündigt. In einem halbabgebrannten Lager nahmen wir Stellung; da aber die Haubitzgranaten und Kanonenkugeln uns erreichten, so befahl der Brigade-General, uns in Masse zu bilden, mit welcher wir uns hinter eine grosse Scheuer stellten  Der General nebst mehreren Offizieren von unserem Regiment standen dicht an der Scheuer, als eine Haubitzgranate zwischen uns und der Front unseres Bataillons hergeflogen kam und abfiel. Im Augenblick warf sich ein Grenadier darauf, der das Zündloch gegen die Erde drehte und darauf liegen blieb, unser Geschrei und Rufen, er solle sich auf die Seite legen, nicht achtend, bis er von selbst aufstand, da wegen des Springens keine Gefahr mehr war. Dieser Grenadier war ein Lemaner, auf dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Für seine Bravour erhielt er einige Geldstücke von mehreren Offizieren.
Am nämlichen Nachmittag stiess das neunte Armeekorps zu uns, welches von Marschall Victor befehligt wurde und aus deutschen Völkern bestand; es war 30'000 Mann stark und hatte noch in keinem Gefecht gestanden. Auch sahen wir seit dem 17. August den Marschall Oudinot zum ersten Mal wieder der das Kommando vom 2. Korps wieder übernahm. Mit dieser Verstärkung würden wir den Feind über die Düna geworfen haben, hätten die Marschälle nicht schon andere Befehle in der Tasche gehabt, die uns ein Rätsel blieben.

Nachdem wir zwei Stunden in unserer Stellung gestanden, wobei wir meines Wissens niemand verloren, obschon uns die Kanonenkugeln ricochettierend auf den Flanken vorbeisprangen, kam die dritte Brigade uns abzulösen, die dann später noch einige Mann eingebüsst haben soll. Unsere Brigade marschierte eine halbe Stunde rückwärts; auf einer Anhöhe machten wir Halt und der Befehl erging, dass man abkochen dürfe. Im Rückwärtsmarschieren sahen wir zu unserer Rechten einen schönen Teil  des neunten Armeekorps und hörten deutlich die Kommandos:  „Gewehr auf! Gewehr ab!“
Von Csaniki kamen wir in 5 Tagen über Sieno nach Czereja, allwo wir vier Tage stille lagen. Den fünften Tag brachen wir wieder auf; eine anhaltende Kanonade liess sich hören, der wir immer näher kamen, und am folgenden Tag sahen wir uns durch einen viel kürzeren Weg wieder in die Nähe von Csaniki zurück versetzt. Dieses Manöver war uns rätselhaft. – Man sagte mir nachher, dass der Feind  auf dem kürzeren Weg bis auf eine Stunde von Czereja sich gezeigt habe, aber vom neunten Korps heftig angefallen und verfolgt worden sei und dass er schleunigst sich zurückgezogen habe, welches seine Richtigkeit haben musste, da wir nirgends auf einen feindlichen Trupp stiessen. Wir sahen von Csaniki hinweg das sechste und neunte Armeekorps nicht mehr.  Von da ging unser Marsch abermals über Czereja und wir trafen in wenigen Tagen in Orsza ein, wo die grosse Strasse von Wilna nach Moskau durchgeht.
Den 24. November waren wir auf dem Marsch nach Borisow; ca. zwei Stunden davon wurden wir auf einmal von einem Kleingewehrfeuer überrascht; es fielen mitunter auch Kanonenschüsse. Noch wussten wir nicht, was vorging, und ob wir der angegriffene oder selbst der angreifende Teil wären. Auf einmal hiess es hinter uns: „Marsch! Marsch!“ und so begannen wir zu laufen, während auf unseren Flanken leichte Cavallerie im schnellsten Trab vorüber sprengte, die uns gleichsam mitschleppte. Eine Viertelstunde mögen wir so ausgehalten haben, da hiess es auf einem freien Platz: „Halt!“ wo wir uns wieder sammelten. Vor uns lagen auf dem Boden sechshundert gefangene Russen, worunter mehrere verwundet waren, und hin und her sahen wir auch Tote. Wir konnten nicht begreifen, wie das zugegangen, bis uns das Rätsel gelöst wurde.
Sobald wir uns von dem schnellen Laufen ein wenig erholt hatten, trieb uns die Neugierde, auf die Gefangenen zuzugehen, unter welchen wir nur wenige Offiziere bemerkten; indessen befand sich unter diesen ein Capitain, der gut französisch sprach und uns dann sagte, dass wir abgeschnitten wären und dass sie zum Armeekorps des Admirals  Tschitschakow gehören, das, von der türgischen Grenze her kommend, das rechte Ufer der  Beresina (Der Fluss Beresina entspringt westlich von Polotzk, ist vom  Tal der  Düna durch eine Hügelkette getrennt, fliesst nach Süden und mündet in den Dnieper). Bei Borisow besetzt hatte, sie wären die Avantgarde von diesem Korps. Er fuhr fort, er sei nun das zweite Mal von den Franzosen gefangen, aber diesmal glaube er doch nicht, nach Frankreich abgeführt zu werden. Dieser Hauptmann schien eine gute Bildung erhalten zu haben. – Die Gefangenen machten einen  Teil des feindlichen Vortrabs aus; die übrigen Russen wurden unaufhörlich bis Borisow verfolgt und wieder über die Beresina geworfen.

Herwärts der Brücke wurden dem Feind noch 200 Bagage- und Munitionswagen abgenommen, die nach der Aussplünderung auf den Bivouacs verbrannt wurden. Der Feind hatte jenseits der Brücke auf dem rechten Ufer eine sehr vorteilhafte Stellung, die Borisow gänzlich dominierte. Es stand nur an ihm, die Stadt in einen Aschenhaufen zu  verwandeln.

Gegen Mittag marschierten wir in Borisow ein, sowie unser ganzes Armeekorps, welches in verschiedenen Richtungen auf dem linken Ufer der Beresina sich ausdehnend Stellung nahm. Unsere Division blieb in Borisow. Der 25. bemerken wir auf der anderen feindlichen Seite neu angelegte Verschanzungen und eine Batterie, gerichtet auf die 180 Fuss lange Brücke, von 18 à 20 Kanonen, die imposant dem Beobachter gegenüberstanden.

 

Ankunft Napoleons und der Moskauer Armee

Beförderungen

Noch am 24. abends gegen 4 Uhr traf der Kaiser Napoleon an der Spitze seines Generalstabes in Borisow ein, der seinen  Weg bis an die Brücke fortsetzte. Die Neugierde trieb mich ebenfalls, seinem Gefolge zu folgen, das auf etwa 60 Schritte vor der Brücke stehen blieb; der Kaiser allein ging auf die Brücke vor bis u unserer letzten Schildwache, die kaum 50 Schritte von der russischen entfernt war, weil die Russen nicht Zeit genug gehabt hatten, die Brücke ganz abzuwerfen; auf ihrer Seite fand sich diese nur ca. 40 Fuss abgedeckt. Nach einem 5 – 8 Minuten langen Aufenthalt kehrte der Kaiser zurück und wurde von seinem Gefolge bis auf die Stelle des Bivouacs unserer Division begleitet. Ich begab mich zur Kompagnie in der Erwartung, dass Napoleon uns mustern werde: allein da dieses nicht erfolgte, so hatten wir Zeit, uns umzusehen was vorging.
Wir begaben uns auf die Stelle von welcher aus wir die Ankunft der Moskauer Armee ab besten übersehen konnten. Aber welch jammervoller Anblick war das! Dieselbe Armee, welche vor 6 Monaten noch Europas zittern machte und mit allem aufs Beste versehen war, was unserem Auge unkennbar geworden. Die Uniformen beinahe unkenntlich, keine Schuhe, keine Waffen, verbundene Köpfe, Hände und Füsse; den Leib in Pelze eingehüllt, grässlich abgemagerte Gesichter, viele derselben Mohren ähnlich, alle Sorten Waffen untereinander vermischt; die Wenigen, die ihr Gewehr noch trugen, hatten dasselbe in Lumpen gewickelt. – Alles dieses entdeckte das Auge auf einmal! Die hässlichsten Carricaturen können mit diesem Aufzug in keinen Vergleich kommen; - mit einem Wort, solche Gemälde vermag die Feder nicht zu beschreiben.
Wir stunden alle über diesem Anblick wie betäubt und es schien uns unmöglich, zu glauben, was unsere Augen sahen. Wir sahen einender mit fragendem Blick an: „Was sagst Du dazu und was wird’s noch Weiteres für uns geben?“ -  Das Bewusstsein, dass auch wir an allem Mangel gelitten und mit allerhand Elend zu kämpfen gehabt hatten, dass auch wir gefochten und niemals als Geschlagene das Schlachtfeld dem Feinde vollständig überlassen mussten, dass wir die erbeuteten 25 russischen Kanonen bis Borisow mitgebracht, unsere Waffen und Kleidung erhalten hatten und ebenso die Handhabung der Mannszucht, - diese Rückerinnerung durfte allerdings unser Ehrgefühl aufwecken und besonders, da wir nunmehr die Avantgarde des Kaisers bilden sollten und  dies gegen den Kern der russischen Armee! Aus diesem Grund durfte wohl das zweite Armeekorps stolz auf seine Erhaltung sein, indem wir noch  8'000 streitbare und kampflustige Krieger zählten.
Kein Wunder, dass es diesmal dem Kaiser behagt hatte, die vom Marschall gemachten Vorschläge ohne Ausnahme für unser Korps zu genehmigen, was sonst in früheren Feldzügen selten der Fall war, wo Napoleon nicht selbst dabei gewesen, so dass früher manches Verdienst unbelohnt geblieben. -  Hier war es, wo wir noch am nämlichen Abend die Beförderung und die Zahl der neuen Ritter der Ehrenlegion vernahmen laut kaiserlichem Dekret vom 19. November.
Unser Oberst erhielt den Offiziers-Orden der Ehrenlegion mit noch dreizehn  Chevaliers-Orden der Ehrenlegion für’s erste Regiment, welche Auszeichnung auch ich erhielt. Die Grenadier-Capitains Blattmann und Zingg sahen sich zu Bataillons-Chefs befördert; der Erstere erhielt zugleich auch den Chevaliers-Orden, der Letztere, mein Hauptmann, hatte ihn schon seit der Schlacht von St. Eufémia in Calabrien. -  Das zweite Regiment erhielt acht und das dritte und vierte Regiment jedes sechs Stück Chevaliers-Orden.
Ich war im nämlichen Zimmer, als man dem Kommandanten Blattmann die Epaulettem à gros bouillon aufmachte und das rote Band am Knopfloch festgebunden wurde, wozu er mit  lächelndem Munde sprach: „ Das Ding steht gut, wenn man gerade daheim wäre, aber wir sind noch nicht dort, es wird noch genug leere Tschako’s geben.“ – Indessen hatte die kaiserliche Huld Zufriedenheit,  neuen Mut und Eifer beim zweiten Armeekorps bewirkt.

Ich erinnere mich nicht, dass während unserem Aufenthalt in Borisow ein einziger Schuss auf die Stadt gefallen sei, die so angehäuft von allen Waffengattungen und Menschen war, dass man sich mit Mühe zurechtfand. Würde der Feind die Stadt beschossen haben, so hätten viele Tausende unvermeidlich ihr Grab gefunden. Warum dies nicht geschah, lag vielleicht in der Erwartung de Ankunft der russischen Haupt-Armee, die nicht mehr ferne sein konnte.

 

Übergang über die Beresina

In der Nacht vom 25. auf den 26. November brach das zweite Armeekorps von Borisow und Umgegend auf.  Wir trafen nach einem Marsch von 3 – 4 Stunden längs dem linken Ufer der Beresina aufwärts bei Stuzianka mit Tagesanbruch ein und stiessen zu den anderen Divisionen. Hier wurden zwei Brücken geschlagen, wobei der Kaiser am 26. morgens früh zugegen war. Seine Anwesenheit beförderte die Arbeit, so dass die Brücken um 9 Uhr zum Übergang bereit standen.  Diese Arbeit soll schon in der Nacht vom 24. auf den 25. unter dem Schutz der ersten Division begonnen haben, während die zweite Division von Borisow  bis auf diese Stelle den Feind auf dem jenseitigen Ufer beobachtete.
Zur rechten und linken  Seite waren zwei Batterien aufgeworfen, in welchen je zwölf Kanonen aufgefahren waren. Mit eigenen Augen sah ich von feindlichen Truppen etwa 1'500 Mann Infanterie jenseits vorbeidefilieren, die zwei Feldstücke nachführten, und etwa 6 – 800
Kosaken. Es hatte den Anschein, als hätten sie Befehl, uns ungehindert passieren zu lassen, indem die Arbeit an den Brücken vollendet wurde, ohne dass ein Schuss darauf fiel, und so erschienen sie uns als ruhige Zuschauer. Sowie aber unsere leichte Infanterie auf dem rechten Ufer angekommen war, um den Feind aufzusuchen, sprengte auf einmal ein beträchtlicher Schwarm Kosaken heran, die sich im Wald versteckt gehalten hatten, um sie aufzuheben. Allein die Jäger formierten rasch die Massen und begannen ihr Zweigliederfeuer, welches von unseren zwei Batterien auf die Flanken ohne Gefahr unterstützt werden konnte, worauf die Kosaken davonsprengten.
Unterdessen hatte der allgemeine Übergang unter dem wiederholten Ruf „Vive l’Empereur!“ (Es lebe der Kaiser) begonnen. Als der Kehr an uns kam und wir nahe der Brücke Halt machen mussten, vernahmen wir aus dem Munde des Kaisers folgende Worte, an den General Merle gerichtet: „Géneral, êtes vous content des Suisses?“
„Oui, Sire, si les Suisses attaquaient si vivement, comme ils savent se défendre, vôtre Majesté serait content d’eux. »
« Oui je sais bien, ce sont des braves gens ! »
Als wir endlich über die Brücke passierten, liessen  auch wir mit mannhafter Stimme den Kaiser hoch leben.
Nun ging es vorwärts, den Feind wenn möglich auf seine feste Stellung gegenüber Borisow zurückzuwerfen, allein unsere Division sah an diesem Tag keinen Feind mehr, indem die vorderen zwei genügten, denselben vor sich her zu treiben ohne Verlust. Während wir auf der Strasse zwei Stunden lang marschierten, den ersten Divisionen folgend, sahen wir keinen einzigen Verwundeten zurückkehren.
Es kam eine Ordonnanz mit dem Befehl, Halt zu machen und uns rechts und links neben der Strasse, die durch einen langen Wald führte, in Angriffscolonnen aufzustellen, in welcher Stellung wir bivouaquierend die Nacht zubrachten. Die Stellung der vor uns stehenden zwei Divisionen kannten wir nicht.
Den 27. war auf unserer Seite alles ruhig, nur von weitem konnten wir Kanonendonner hören – Napoleon und Murat  passierten diesen Tag um 11 Uhr morgens bei uns, wahrscheinlich um die Linie nachzusehen. Der letztere schien uns noch von Neapel her nicht vergessen  zu haben, indem unsere Bataillons-Chefs die Ehre hatten, seine Majestät zu sprechen.
Unsern Oberst Raguettli hatten wir in Borisow zurücklassen müssen, weil er sehr schwach war, was uns allen sehr leid tat. Mehrere von uns hatten sich ihm als Gehülfen angeboten, allein er schlug jedes Anerbieten ab, indem er uns sagte: „Meine Herren! Es rufen Ihnen andere Pflichten, die Sie zuerst zu erfüllen haben, und glückt der Übergang, wie ich hoffe, so sehen wir uns bald wieder.“ Da Kommandant Blattmann älter war als Zingg, so musste der Letztere zurücktreten, indem  wir zu unseren noch übrig gebliebenen 300 Mann keine zwei Chefs bedurften.
Die Beresina einmal passiert und den Feind zurückgedrängt, konnten wir etwas freier atmen. Der Weg nach Wilna stand uns nun offen, jedoch anfangs auf sumpfigem Boden, der sich mehrere Stunden ausdehnte; - es war jedoch nur ein Seitenweg und nicht die Hauptstrasse nach Wilna.

 

Schlacht bei der Beresina den 28. November

Am 28. November morgens fiel etwas Schnee. Es war etwa halb 8 Uhr, als ich auf der Strasse an der Seite des Kommandanten Blattmann auf und ab spazierte. Dieser erinnerte mich an das Lied „Unser Leben gleicht der Reise“, welches ich früher viel gesungen hatte und mein Lieblingslied war und das auch Blattmann gefiel, mit der Bitte, ich möge es ihm doch noch einmal singen. Ich begann sogleich und am Ende bemerkte ich einen langen Seufzer: „Ja, ja, Legler, es ist wirklich so, es sind doch herrliche Worte!“ Bald gesellten sich noch andere Offiziere zu uns und diese Morgenstunde verstrich uns unter Gesang und Gesprächen.

Es war 9 Uhr, als auf einmal eine Kanonenkugel unter teuflischem Geräusch dicht ob unseren Köpfen vorbeiflog. Wir erschraken, weil wir nicht begreifen konnten, dass wir dem Feind so nahe ohne Vorposten gestanden, und hörten von ferne eine heftige Kanonade; auch Kleingewehrfeuer schien zu unserer Rechten näher zu kommen.  Von daher kam eine Ordonnanz angesprengt: „Die Linie ist angegriffen!“ Aus unserer Stellung hatten wir uns kaum ein paar hundert Schritte vorwärts bewegt, so sahen wir zu unserer grossen Verwunderung eine feindliche Colonne auf unserer  rechten  Seite vorrücken, so dass es die höchste Zeit war, uns über die Strasse zu setzen, wobei unsere Plänkler durch eine Bewegung rückwärts und seitwärts sich schnell ausdehnten und mit einem lebhaften, wohl genährten Feuer den Feind abhielten, indessen wir den Standpunkt erreichen konnten, der uns mit den  anderen zwei Brigaden unserer Division vereinigte, welche wir vorher aus dem Gesicht verloren hatten. Von hier aus wurde das Feuer ununterbrochen fortgesetzt; die Artillerie beiderseits stand auf der Strasse sich entgegen, allein durch schiefe Feuer des Feindes spürten wir von Zeit zu Zeit den Effekt der Kugeln.
Da das Regiment de Croaten den 26. eine andere Bestimmung erhalten hatte, so blieben uns zu den vier  Schweizerregimentern an Infanterie nur noch das 123. französische Linienregiment. Diese 5 Korps werden höchstens 2'500 Köpfe gezählt haben. Eine zweite Linie bildete sich hinter uns aus kleinen Abteilungen polnischer Infanterie, zwei Escadrons  Kürassiere, eine Escadron Chasseurs und eine Escadron Lanciers. -  Dadurch aufgemuntert und den Rücken gesichert wissend, wurde das feindliche Feuer möglichst lebhaft beantwortet, indem wir uns en Tirailleurs aufgestellt hatten.  Das Feuer war gegenseitig mörderisch. General Amey und viele Stabsoffiziere wurden frühzeitig verwundet und mehrere totgeschossen, wobei unser Kommandant Blattmann inbegriffen war, dem eine Flintenkugel durch das Gehirn schlug. Der Brigadegeneral Canderas und sein Adjutant waren auch schon gefallen; der Letztere verlor seinen Kopf durch eine Kanonenkugel..
An einem Baum gelehnt stand ich, vorwärts blickend; die Patronen waren bei vielen schon verschossen und die Zahl der durch diesen Umstand Untätigen wuchs mit jedem Augenblick, so dass ich zum mindesten dieselbe auf 300 Mann angeben kann. Alle diese Leute stellten sich hinter der Offizierslinie auf und niemand war weiter dafür besorgt. Dieses  Umstandes mich zu versichern, überzeugte ich mich selbst und fragte die Zurückgetretenen nach der Ursache ihres Daseins; es war nur eine Antwort: „Gebt uns Patronen!“
Wer könnte bei einer solchen Antwort ruhig bleiben? Ich blickte unruhig umher; -  endlich sahen meine Augen den Divisions-General Merle. Ich lief auf ihn zu, der 200 Schritte rückwärts zu Pferde hielt, und meldete demselben:“ Mein Herr General, Sie sehen vor Ihnen hinter der Front 300 Mann, die keine Patronen mehr haben; der Feind benutzt diesen Umstand, indem er sich uns nähert; sollen wir ihn indessen mit dem Bajonett angreifen?“
„Oui  c’est  ça, mon ami! – allez, courrez et criez en mon nom, qu’on cesse le feu et qu’on culbute l’ennemi à la bayonette ! « 
(Ja mein Freund, das ist’s; laufen Sie in meinem Namen und schreien Sie, das Feuer einzustellen, der Feind soll mit dem Bajonett geworfen werden!) „Für die Herbeischaffung der Patronen werde  ich sorgen.“
Wie gesagt, ebenso schnell wurde der Befehl ausgeführt. Ich schrie aus vollem Hals: „Par ordre du Général, la charge! En avant à la bayonette ! Tambours, battez la charge ! »
Mein Geschrei wurde durchgehend wiederholt und der Sturmschritt geschlagen. Bei unserem Häuflein Grenadiere verlangte ich, die Tambouren sollen sich an die Spitze stellen, indem man ja nicht feuere; hierauf weigerten sich alle, dieses zu tun. Ich packte in der Hitze den ersten besten beim Kragen, drohte, ihn zu durchbohren, wenn er  mir nicht folge, und zog laufend denselben, der mit einer Hand den Sturmschritt schlug, vorwärts der Front; allein sowie ich ihn gehen liess, traf ihn eine Kugel in den rechten Kinnbacken.
Dieser Tambour war ein Glarner, namens Kundert aus der Rüti, was ich in meiner Hitze nicht bemerkte, sondern erst anno 1816 in Doesburg beim Schweizerregiment No. 31 in holländischem Dienste von ihm selbst erfahren musste, wo er als Tambour-Korpsoral diente und die Kugel noch im Kinnbachen hatte.
Der Viel stärkere Feind, über unser Geschrei und rasches Vorgehen bestürzt, kehrte den Rück; wir mochten ihn eine Viertelstunde verfolgt haben, als wir auf einmal von eines Escadron Lanciers, die auf der rechten Flanke war, in ihrer Flucht mitgerissen wurden. Im Fliehen, rückwärts sehen, bemerkten wir die russischen Dragoner, die uns auf den Fersen waren, und mit diesen rückte auch die russische Infanterie wieder vor. Ich schrie abermals aus vollem Halse, sich in Masse zu sammeln und Halt zu machen! Die, welche mich hörten, taten, was ich verlangte, und die wohlgezielten Schüsse auf die nächsten Dragoner, wobei mehrere vom Pferd stürzten, taten gute Wirkung, indem die Übrigen zurücksprengten. Die feindliche Infanterie blieb bei der Flucht ihrer Dragoner auch wieder stehen. – Die Patronen welche endlich ankamen und ausgeteilt wurden, reichten nicht hin, das Feuer lebhaft zu unterhalten, und aus diesem Grunde brachten wir mit dem Bajonnet den Feind auf einige hundert Schritt noch zweimal zum Weichen.
Ich und mehrere Kameraden nebst einigen Grenadieren gingen zurück, um Patronen abzuholen, allein wir hatten eine Stunde laufen müssen, bis wir auf einen Pulverwagen stiessen. Beladen mit Feuersteinen und Patronen, was wir in unseren Capüten  nur zu tragen vermochtren, kehrten wir um. Auf einmal rief mich jemand  beim Namen und als ich zurücksah war es Kommandant Zingg, der  abermals rief: „ Wartet, ich kommen mit.“ Ich fragte ihn, ob er wisse, dass Blattmann tot sei? „Ja, die Blessierten sagten mir davon und darum komme ich, das Kommando zu übernehmen!“
Während wir uns im Wald auf der rechten Seite unseren Leuten näherten, sahen wir ca. 300 Schritte links über der Strasse, derselben folgend, eine feindliche Colonne im Anmarsch, die unsere Linie bereits im Rücken nehmen konnte; allein die braven Kürassiere vom 4. und 7. Regiment, die nur noch 100 Schritte vor uns standen, erkannten ebenfalls den Feind und wir hörten deutlich das Kommando:
“Escadrons! Par le flanc gauche, marche! »
Sobald die Kürassiere über der Strasse waren,  begannen sie zu chargieren; ich sah nur wenige Schüsse fallen, der Feind nahm die Flucht.
Zu gleicher Zeit warfen wir unsere Munition auf den Boden und sprangen mit fürchterlichem Geschrei alle vorwärts: „Die Kürassiere chargieren den Feind links im Walde, vorwärts mit dem Bajonnet!“  Einige riefen:“ Vive l’Empereur!“ und ich: „Es leben die Braven von Polotzk!“ – Der Sturm wurde allgemein und gelang so sehr, dass wir diesmal 2'500 Gefangene machten, wovon zwei Drittel verwundet waren; viele Tote und Schwerverwundete lagen auf der Erde.
Nach diesem Fang erfolgte eine Stille, die wenigstens eine Viertelstunde gedauert hat.. Unser zweites Treffen, die Polen rückten nun endlich einmal vor, und wir beschäftigten uns mit dem Austeilen der Patronen, die endlich in reichlichem Masse anlangten.
Was das Sonderbarste war, verloren  wir bei diesen Bajonnetangriffen beinahe keine Leute, wohl aber hatten wir viele Tote und Verwundete durch das Feuergefecht.
Das feindliche zweite Treffen, welches nun gegen uns ins Gefecht kam, hatte kaum eine halbe Stunde lang sein Feuer begonnen, so waren die Polen auf uns zurückgedrängt, die wir in unsere Linien aufnahmen und somit auch unser Feuer wieder begannen. – Wir erstaunten über die feindlichen, wohl angebrachten Schüsse; hätten wir Scharfschützen uns gegenüber gehabt, sie hätten uns nicht mehr schaden können
Unser Regiment verlor an diesem Tage ohne seine zwei Chefs noch zehn Offiziere; die anderen Regimenter haben an Offizieren noch mehr verloren als das unsrige. Ungeachtet der  feindlichen Übermacht behielten wir unsere Stellung bis in die Nacht hinein, welche allein das Feuer einstellte.
Die Zahl der Übergebliebenen der vier Schweizerregimenter soll  am Abend des  28. nach gehaltenem Appell noch 300 Mann von 1'300 betragen haben. (Nach „Souvenirs de Rösselet“ waren vom ersten Schweizerregiment, die Leichtverwundeten inbegriffen, noch 126 Mann anwesend)  Also 1'000 Mann unserer Braven und Helden waren die Opfer dieses hartnäckigen Widerstandes. Wie die Löwen hatten sie an diesem Tage gefochten, das Leben hatte keinen Wert mehr. Der Würgeengel würgte furchtbar; Tod oder Rettung war das Losungswort und stolz mussten jene Braven allerdings  auf ihren Mut gewesen sein, die grosse Armee in ihrer Niederlage gerettet zu wissen! Der Divisions-General Merle soll diese Aufopferung am Abend des Kampfes mit folgenden Zuruf an die Übriggebliebenen anerkannt haben:
„Brave  Suisses! Vous avez tous mérité la croix  de la légion; je ferai mon rapport a l’Empereur!“  (Brave Schweizer ! Ihr habt alle den Ehrenlegions-Orden verdient ; ich werde meinen Rapport dem Kaiser machen !)
Was die zwei anderen  Divisionen unseres zweiten Armeekorps verloren haben, ist mir unbekannt geblieben. – Das neunte Armeekorps deckte auf dem linken Ufer der Beresina die Retirade und passierte dann noch in der Nacht mit der Zurücklassung der Division Parthoneaux, die gefangen wurde, die Beresina und warf die Brücken ab.
Der Feind hatte sich auf jenem linken Ufer  einer Position Meister gemacht, von wo aus er ein verheerendes Feuer auf die Brücken machen konnte, wobei Tausende in wilder Unordnung einander selbst in die Beresina gestürzt und nachgezogen haben sollen. Die schwere Artillerie, sowie der grösste Teil auch vom mittleren Kaliber nebst den eroberten Geschützen gingen alle hier an den Feind verloren. Nur die leichtesten Feldstücke konnten über die schwachen Bockbrücken gebracht werden.
Es ist unstreitig, dass unsere Division an diesem Tag den Ehrenposten der Armee gehabt hat, denn hätten wir dem Feind auf dem rechten Ufer die Heerstrasse preisgegeben hätten, so wäre derselbe mit Macht in einer halben Stunde vor den bedrohten zwei Brücken gestanden, wodurch dann alle diejenigen, die noch auf dem jenseitigen Ufer waren, zu Gefangenen gemacht worden wären. Ich kann daher das Benehmen der Russen an diesem Tage nicht begreifen, umso mehr, da der russische Admiral Tschitschakoff am 28. November sein Feuer gegen uns erst begann, als Wittgenstein und die feindliche Moskauer Armee in Borisow den Marschall Viktor schon rückwärts drängten und bei Borisow demnach kein Übergang mehr zu befürchten war. Er hätte also sein ganzes Armeekorps gegen uns agieren lassen können, was meines Wissens nicht geschehen ist. Wären wir an ihrer Stelle gewesen, so hätte kein Übergang stattgefunden. Genug, wir retteten uns gegen alle Erwartung.

 

Nachträge zur Schlacht

Ein Beweis, wie verheerend das feindliche Feuer für uns war und was für treffliche Schützen in der Admiral’schen Armee waren, ist aus Folgendem zu ersehen: Nach der letzten Charge, wobei die erste feindliche Linie mehrteils gefangen wurde, fand ich mich hinter unserer durchsichtig gewordenen Linie an einem Baum gelehnt, dem Feind den Rücken zukehrend.. Kommandant Zingg, Kapitän Hopf und Grenadier-Lieutnant Gerber, beide letztere vom zweiten Regiment, waren in meiner Nähe, so dass zwei und zwei einander auf ein paar Schritte Distanz gegenüberstanden. Wir unterhielten uns über unsern bedeutenden Verlust in düsterer Stimmung und da kein General mehr sichtbar war, glaubte Zingg, wir dürften uns wohl etwas zurückziehen, und äusserte darüber seine Gesinnung dem Kapitän Donatz (Graubünden), der an der Spitze de dritten Regiments stand und nur sechs oder acht Schritte von uns entfernt war; allein ich vernahm von demselben  die Antwort: „ Je n’ai pas d’ordre!“ (Ich habe keinen Befehl!)
Da Zingg es allein nicht auf sich nehmen wollte, so blieben wir in obbemeldeter Stellung stehen. Durch einen Schlag am Baumstamm, hinter welchem ich stand, und der im Durchmesser kaum einen halben  Fuss mag gehabt haben, wurde ich aufmerksam und als ich mich umsah, war eine Kugel in die Mitte desselben, in meines Leibes Höhe hineingeflogen; ich lachte dazu und bemerkte zu den anderen Herren, ohne diesen Baum läge ich nun  zu ihren Füssen hingestreckt. – Ich hatte in meiner wieder genommenen Stellung keine fünf Minuten gestanden, so schlug eine Kugel dem Hopf das rechte Knochenbein am Fuss entzwei, der uns sagte: „J’ai ma part!“ und sich mit Hülfe eines Gewehrs fortzuschleppen versuchte. Keine Viertelstunde darnach sagte auch Gerber:“ Ich habe eine Kugel durch den rechten Oberarm“, so dass das Blut stark zu fliessen anfing; auch dieser, glücklicher als Kapitän Hopf entfernte sich. Nun kam die Kehr an Kommandant Zingg; dieser wurde durch eine Flintenkugel in die linke Schulter getroffen, so dass derselbe rückwärts zu Boden fiel. Ich sprang auf ihn zu, hob ihn langsam auf die Füsse; er wurde sehr betrübt, als er fühlte, dass sein Achselbein zerschossen sei, indem es innerhalb bei der Bewegung seines Armes knarrte.

Zingg bat mich, ihn rückwärts zu bringen und ihn nicht zu verlassen. Ich erwiderte ihm: „Sie sind mein Chef und Ihre Wünsche sind mir Befehl!“  Meinen beiden Lieutenants Schweizer und Tschudi, die ebenfalls nahe bei uns sich befanden, zeigte ich das Vorgefallene an und übertrug ihnen die Aufsicht über unsere noch übriggebliebenen Grenadiers, wonach wir uns rückwärts begaben. (In den „Souvenirs de Rösselet“ ist die Beresina-Schlacht nach der Erzählung von Kapitän Rey mangelhaft beschrieben. Der von diesem kommandierte Bajonnet-Angriff kann nur nach der Verwundung des Kommandanten Zingg und in Abwesenheit höherer Offiziere stattgefunden haben)
Wir hatten noch keine hundert Schritte gemacht, so knallte es tüchtig auf meinem Tschakodeckel; ich dachte, dass es ein Stück Ast von einem Baum sein werde, indem es hin und wieder solche abschlug. Sowie uns die Kugeln nicht mehr erreichen konnten, verlangte Kommandant Zingg ein wenig auszuruhen und wir setzten uns auf einen am Boden liegenden  Stamm. Des Schlages auf meinen Tschako  eingedenk, nahm ich denselben ab und war nicht wenig bestürzt, zwei Löcher von einer Kugel in ihm zu finden. Die Kugel flog fallend oben herein und ob der rechten Schläfe wieder heraus; wenige Linien tiefer, so wäre mein Hirnschädel  verwundet gewesen. Da dies ein Seitenschuss war und ich dem Kommandant zur Linken ging, ihn fest um den Leib haltend, begreife ich jetzt noch nicht, wie es kam, dass derselbe von der nämlichen Kugel verschont blieb.
Auf dem Weg nach de Ambulance stiessen wir auf den Doktor-Major Heumann aus unserem Regiment. Wir liessen und in Zembin bei einer grossen Scheuer nieder, wo mir die Bedienten von Kommandant Zingg fanden. Ich arbeitete mich durch die Menge Menschen durch bis zur Ambulance der Stabsoffiziere, die ich aber so voll von diesen Unglücklichen fand, dass es keine Möglichkeit war, jemand mehr unterzubringen; von da ging ich in die Ställe des Kaisers, allein auch da wollte man mich nirgends hereinlassen
Ausser Stande, ein Obdach ausfindig zu machen, kehrte ich verdriesslich zu meinem Verwundeten zurück, mit der niederschlagenden Botschaft, er müsse es sich gefallen lassen, unter dem freien Himmel zu bivouakieren; für den morgenden Tag wollten wir dann schon sorgen. Bei allem diesem waren wir noch nicht die Unglücklichsten; die lange Scheuer und ziemliche Höhe derselben, hinter welcher wir uns in der Mitte befanden, deckte uns vor dem beissenden Nordwind. In der Scheuer selber lagen über 200 Blessierte, Unteroffiziere und Soldaten, deren Wehklagegeschrei wir anhaltend hören mussten.
Da die Kälte mit jeder Stunde stieg und unser Feuer dem Verwundeten nicht genug Wärme gab, so hiess es, um Holz zu sehen. Keiner getraute sich , in dem fürchterlichen Wirrwarr durchzukommen und seinen Platz nachher wieder zu finden, und so sann man auf Mittel. Auf einmal kam ich auf den Einfall, das Dach der Scheuer anzugreifen; kaum gedacht, wurde das Werk mit gutem Erfolg ausgeführt und wir hatten Holz; freilich geschah dies unter den schrecklichsten Verwünschungen der Schwerverwundeten; allein taub gegen ihr Geschrei und in dem Bewusstsein, nur durch Not gedrungen dieses getan zu haben, gab ich darauf nicht acht.
Der Kaiser begann den Rückzug noch in derselben Nacht und am 29. morgens sollen über 3'000 Leichname unsere Bivouaks  bedeckt haben, die durch Verblutung und der eingetretenen Kälte wegen desto schneller ihr Leben endeten.
An diesem Morgen war es mir nicht möglich, auf fünf Schritte weit den besten Bekannten zu erkennen, indem es mir vor den Augen hundertfältig flimmerte, so dass ich dem Doktor-Major Heumann an den Arm mich hängen musste. Nur auf ganz ebener Strasse konnte ich allein, ohne zu stolpern, fortkommen. Herr Heumann  sagte mir, dass diese Augenschwäche daher rühre, weil ich vier Nächte nicht geschlafen und auf den Bivouaks  viel in das brennende Feuer gesehen habe; dann der gestrige Tag, die Anstrengungen desselben und die eingetretene Kälte zur Beförderung dieses Übels das Seinige auch noch beigetragen, was seine Richtigkeit haben musste, denn nach einigen Stunden Schlaf war es viel besser.

Schlummernd beim Feuer sitzend, träumte mir, der zweite Lieutnant Tschudi von Glarus sei durch den Hals geschossen worden, was ihn jedoch an der Aussprache nicht hindere. Wir hatten nun vom Bivouak keine halbe Stunde zurückgelegt, so sagte mir Heumann: “Da ist der Tschudi!“ Wir, wie er, waren recht erfreut über unser Zusammentreffen, allein ich fragte ihn, mich des Traums erinnernd, ob er nicht am Hals verwundet sei. Die Antwort war bejahend, so dass sich mein Traum gänzlich bestätigte. Tschudi sagte uns, dass er erst von den letzten Schüssen, die gefallen waren, die Kugel in den Hals, die an der rechten Seite dicht an der Röhre hinein und hinten heraus geflogen war, bekommen habe; doch mussten wir ihn öfters erinnern, nicht zu viel zu sprechen.

 

Auflösung des zweiten Armeekorps durch Hunger und Kälte

Das zweite Armeekorps, wobei viele seit dem 26. ohne Nahrung waren, machte den 29. noch die   Arrière-Garde aus. Man denke sich die unglückliche, schreckliche Stellung dieser Übriggebliebenen. Ungeachtet des bittersten Elends sollen sie noch wackeren Widerstand geleistet haben. Allein da mit jedem Tag die Kälte furchtbar zunahm und dem Hunger nicht gewehrt werden konnte, trat Verzweiflung und Ungehorsam ein; die Waffen wurden weggeworfen, die Verpflegung wurde allgemein personell . Wer Geld hatte, konnte hin und wieder in der Masse von Menschen solche treffen, die noch Vorrat von Lebensmitteln hatten und teuer verkauften,. Wer keines hatte und  noch Kraft besass, machte sich auf die Seite, längs dem Weg in die Dörfer, um Beute zu machen. Wer aber der Kraft beraubt war, wer mit Wunden und Leibesschwäche zu kämpfen hatte, der hatte keine Nahrung als Pferdefleisch; diese Letzteren fanden aber auch beinahe alle den unvermeidlichen Tod.
Das Elend der Armee, welche mit dem Kaiser bis Moskau war, welche auf dem Weg dahin Dörfer und Städte zum Teil von den Russen verbrannt angetroffen und, was zu finden war, noch aufgezehrt und geraubt hatte, die nun den nämlichen Weg bei Eintritt der Kälte wieder einschlagen musste und vom Feind unaufhörlich von hinten gedrängt und auf den Flanken nach dem Zentrum geworfen sah, - dieses Elend vermag keine Feder zu beschreiben.
Die Gardisten, die ihre Geldbeutel voll Gold hatten, bezahlten  einen Napoleonsd’or  für ein halbes Pfund schweres Brötchen. Ich selbst habe einige Male für viertelpfündige, schlecht gebackene Brötchen gerne 6 Franken gegeben. Für einen Platz am Feuer bezahlte man 4 – 6 Franken, was ich selbst gesehen habe. Zu diesem Zweck wurden schon in den ersten Tagen Häuser abgebrochen, wobei es manchmal zu blutigen Auftritten kam. Ich sah mehrmals zwei Parteien einender gegenüberstehen, die die äussersten Enden langer Hölzer festhielten und hin- und herzogen, bis die eine oder andere Partei endlich nachgeben musste; oft worden halb abgebrochene und noch stehende Häuser angezündet, wo sich dann die neuen Ankömmlinge in zahlreicher Menge herumstellten und ihre erstarrten Glieder wärmten.
Die Wohnungen, in denen die Generale glaubten, ein sicheres Obdach gefunden zu haben, ging es nicht besser. Alle Widersetzungen und Drohungen wurden mit Erbitterung und Verachtung von wilden, frisch ankommenden Haufen abgewiesen  und die Dächer abgedeckt. Die   wenigen Häuser, welche die Nacht durch verschont blieben, gingen am anderen Morgen durch Haufen von Nachzüglern in Flammen auf. Die Mordbrenner sollen es so weit getrieben haben, dass sie mit Vorwissen vieler ihrer Waffengefährten in den Häusern verbrannten, die wegen schweren Wunden oder sonst entkräftet waren und sich nicht eilends genug retten konnten. Sie riefen noch dazu: „Lasst sie nur brennen, ihre Leiden finden einen schnellen Tod.“ Viele von menschlicherer Gesinnung haben darin nichts Unmenschliches gefunden, indem man doch nichts anderes als den Tod vor Augen habe. Man soll solche gesehen haben, die sich freiwillig in die Flammen stürzten.

 

Rettung und Hilfe in grosser Not

 Auch mir und meinen Kameraden drohte am dritten Abend nach der Beresina-Schlacht ein ähnliches Schicksal. Denselben Tag erreichten wir nach einem achtstündigen Marsch – für den Kommandanten hatten wir am andern Tag schon einen  Schlitten gefunden – mit Zurücklassung vieler Tausender ein grosses Dorf und glaubten, die Vorläufer zu sein, allein auch da war schon alles voll. Ich trat bei einer Baronie in den Saal, der mit Offizieren vom 7. Kürassier-Regiment angefüllt war; ich bemerkte, dass für zwei Mann noch Platz genug wäre, wobei ich die Herren bat, sie möchten etwas näher zusammenlagern, indem ich nur um Platz für zwei Verwundete bitte; allein man wies mich ab mit der Anzeige, ich solle jene in die Nebenkammer legen und die Kürassiers, ihre Bedienten, hinausgehen heissen. Was ich befürchtete, geschah; die Bedienten wollten uns den guten Platz nicht einräumen. Auf mein Jammern der verwundete Colonel müsse bei dieser Kälte draussen erfrieren, hörte ich auf einmal eine furchtbare Stimme mit den Worten: „Curassiers! Sortez, vous dis’je, ou vous craignez ma colère ! » (Kürassiers ! geht   heraus oder fürchtet meinen Zorn !) , was dann freilich wirkte; allein sie zogen bei uns vorbei unter den grössten Verwünschungen.
Wir fanden im Gemach einige gelbe Rüben, die wir mit Lust verzehrten, und überliessen uns der Ruhe. Der tiefste Schlaf bemächtigte sich meiner; allein welch schreckliches Erwachen! Ich hörte zum Glücke rufen: „ Au feu, sauve qui peut! (Feuer, es rette sich, wer kann). Ich  war sogleich aufgesprungen, und als ich die Türe aufriss, schlug die Flamme schon herein. Durch den brennenden Saal  auf allen Vieren den  Wänden nach kriechend und die Türe suchend, gelangte ich heraus. Kaum schmeckte ich die freie Luft und zur Besinnung gekommen, fand ich meine Kameraden nirgends. Sogleich wollte ich aufs  neue in den brennenden Saal mich stürzen, als auf der Türschwelle Doktor Heumann erschien, der die Blessierten an den Beinen herauszog, wodurch wir alle uns gerettet sahen. Erst nach diesem machte man mich darauf aufmerksam, dass mein Überrock brenne.
Ich war ohne Strümpfe, ohne Schuhe und Gamaschen, die ich abgezogen hatte, ohne Kopfbedeckung unter freiem Himmel im Schnee. Mein Tornister und alles, was ich noch besass, war verbrannt, der Säbel allein war mit geblieben, um meinen Leib gebunden. Dieses Elend erpresste mir Tränen und ich musste weinen wie ein Kind. – Unsere Bedienten waren auf der Marode und fanden unsere Wohnung bei ihrer Rückkehr abgebrannt. Der Doktor Heumann verlor sein Pferd, für welches ihm früher sechzig Dublonen geboten worden; der Schlitten vom Kommandanten war auch nicht mehr; die zwei Conjak (russische Pferde) allein blieben noch übrig.
In diesem armseligen  Aufzug brachte ich eine halbe Stunde zu, bis mir die Fortuna einen Grenadier von der Garde zuführte, der für meine Füsse passend ein Paar neue Schuhe im Sack hatte, wofür er mir nur 6 Fr. abnahm. Andere verkauften mir Strümpfe, ein Paar Gamaschen und ein grosses mousselinenes Halstuch, welches ich um den Kopf band und das mir bis Wilna als Kopfbedeckung diente. – Die Bedienten kamen mit einem Schlitten und so konnten wir den Weg wieder fortsetzen.
Noch ehe wir diese Schreckensstelle verliessen, versicherten man uns, dass man von den Offizieren, die im Vorsaal waren, drei vermisse und dass die Kürassiers das Haus, weil sie uns weichen mussten, angezündet hätten. Dieser Vorfall kann als Beweis dienen, welch’ Elend auf so langem Weg von ca. 200 Stunden sich mag zugetragen haben. Ich war mehrmals Augenzeuge, dass es Barbaren gab, die ihre mit dem Tode ringenden Kameraden nackt auszogen, Das erste Mal wollte ich mit gezogenem Säbel und drohenden Worten es hindern, allein vier Kerls stellten sich mit ihren Seitengewehren gegen mich, sodass ich verfolgt umkehren musste und zufrieden war, mit heiler Haut davongekommen zu sein.
In beträchtlicher Zahl fanden sich auf den Seiten längs der Strasse viele erstarrte Soldaten, die hinfallend, einschlummernd, ohne einiges Mitleiden oder Hilfe ihren letzten Atemzug aushauchten. Diese Unglücklichen wurden nur von den auf den Flanken Marschierenden beobachtet; alle diejenigen, welche in der Mitte der Strasse marschierten, mussten gerade vor sich hin sehen und wurden von der Menge mehrteils mitgeschleppt und gestossen.
Diese Masse von vielen Tausenden auf- und durcheinander folgenden Menschen, vermischt mit Artillerie, Kutschen, Bagage-Wagen, Schlitten und Handpferden, welche ihren Platz behaupteten, -  wenn sie an einem Engpass oder bei einer Brücke ankamen, wo jeder der Erste sein wollte, - wie menschlich es dann zugegangen sein mag, wird man aus dem Mitgeteilten leicht erraten. Ich bin gewiss, dass in solchen Fällen hundert und hunderte ihren Tod gefunden, denen man über ihre Leiber gefahren und gegangen ist.

 

Abschied von meinen Gefährten

Wir kamen über Pleszenitzy, Vilyka nach Miednika. Zwischen Miednika und Wilna verliess ich den Kommandanten Zingg sterbend in den Händen des Doktor Heumann. – Wir waren über Mittag in einem Dorf, das dicht an einem Walde lag. Es hielten hier zum Mindesten ein paar Tausend Marodeurs ihr Mittagsmahl und es schien ein Ort zu sein, der den Hungrigen speise. Unsere Bedienten fanden in einem Zaun noch ein lebendiges Huhn verborgen; dieses und einige Erdäpfel machten unser Essen aus. Wir waren Willens, nach Abrede  des  Nachmittags aufzubrechen, allein Zingg erklärte, dass er das Fahren nicht mehr aushalten könne. – Heumann sagte mir: „Zingg nahet dem Ende und mit dem Tschudi geht es auch keinen guten Weg“, der schon drei Tage kein lautes Wort mehr sprechen konnte. Ich gab mich geduldig darein und schlief darauf wohl drei volle Stunden. Auf einmal erwachte ich an einem fürchterlichen Geschrei: „Les Cosaks! Les Cosaks!“ Im ersten Schrecken lief ich zum Haus hinaus und mit dem grössten Haufen bis ans Ende des Dorfes ; da aber keine Kosaken sich zeigten, so ging wieder Alles zurück und es fand sich dann, dass eine andere Partie Marodeurs den Kochkessel zu Handen genommen hatte, wobei es tüchtige Schlägereien absetzte. – Ich kam wieder in mein Quartier zurück und fand alle anderen, die aufgepackt hatten, die aber wegen Zingg nicht abfahren konnten. Da ich nichts mehr helfen konnte und andere Pflichten mich enger banden, so teilte ich diese Gefühle und Empfindungen mit Tränen in den Augen dem Doktor-Major Heumann mit und erklärte ihm, ich sei bis dahin überall glücklich durchgekommen, aber von den uns täglich umschwärmenden Kosaken möchte ich nicht gefangen und zurückgeführt werden, und er möchte e mir nicht übel nehmen, wenn ich meinen Weg fortsetze. Er sagte mir, ich sei ja frei, zu handeln wie ich wolle, und bis ihn die russischen Lanzen vertreiben, gehe er nicht von Zingg’s Seite. Damit zufrieden, nahm  ich dann Abschied von allen, Zingg und Tschudi gaben mir die Hand und ich weinte schmerzlich über ihre traurige Lage. – Es war Nacht, aber Mondschein, als ich das Haus allein verliess. Heumann kam noch fünfzig Schritte weit mit, wir umarmten und ich bat ihn, sich vor der Gefangennehmung zu hüten.

Nun war ich allein auf dem Weg; im Dorf war alles lebhaft und ausser demselben herrschte Totenstille; der Weg war breit und überall frei von Waldungen, und so setzte ich denselben in ernsthaften Gedanken fort. Ich fand von Zeit zu Zeit einen Wegweiser, das heisst ein halbverlöschtes Feuer, und erst nach einem zweistündigen Marsch sah ich in der Ferne ein Dorf, das mit Bivouak-Feuer umgeben war, welches ich  um die Mitternachtsstunde erreichte und bei Unbekannten bei einem Feuer Platz bekam, für welchen ich 3 Fr. bezahlte.

Ich gestehe, dass es mir auf diesem nächtlichen Zug nicht am besten zu Mute war; ich konnte sehr leicht den Kosaken oder auch unsern Armee-Traineurs in die Hände fallen, die mich nicht gut würden behandelt haben. – Will man die Ursache meiner eingetretenen Ängstlichkeit und der Entfernung von meinem Kommandanten wissen, so vernehme man, dass ich dass Bildnis einer lieben Braut auf mir trug, das mich nach überstandener Gefahr und nach Erfüllung meiner Dienstpflichten auf die Erhaltung meines Lebens täglich aufmerksamer machte  und wobei dann die Hoffnung immer mehr wuchs, diesen treuen Bund noch schliessen zu können, der dann auch nach 9 Monaten in die freudigste Erfüllung ging.

 

Von Wilna bis Königsberg

In Wilna traf ich wieder auf Bekannte, mit  welchen ich, nachdem wir uns mit Lebensmitteln versehen hatten, den Weg fortsetzte. Etwa 5/4 Stunden von Wilna, Kaun (Kowno) zu fanden wir gegen 400 Wagen aller Art aufgefahren, die wegen einem steilen und schmalen Weg, der wie überall mit Eis bedeckt  war, weil die Pferde unbeschlagen waren, stehen bleiben mussten, und weil man nirgends anders durchkommen konnte,  so ist dieser Ort auch die Stelle der vollkommensten Verwirrung geworden. Viele machten sich über die Plünderung her, und Feuer wurden angelegt, wobei mehrere Caissons in die Luft geflogen sein sollen.
Wir waren unser drei Offiziere und hatten einen guten Coniak; dieser trug unseren Sack mit den Lebensmitteln. Nur mit vieler Mühe brachten wir links vom Weg durch das Gestäude unser Pferd auf die Anhöhe. Einer zog am Zaum und zwei stiessen von hinten, so viel wir konnten, das Pferd aufwärts. Endlich, nachdem wir gewiss mehrere Male alle vier auf den Knien waren, erreichten wir die Höhe, und damit auch den letzten Ort  der Hindernisse.

In Kaun am Niemen (Der Niemen ist ein Grenzfluss zwischen Russland und Polen, fliesst nordwestlich nach Preussen und mündet bei Memel in die Ostsee)  war die Stadt  voll von Menschen und in den Strassen fanden sich viele Tote, über welche man schreiten musste. Nachdem diese Unglücklichen nirgends  Unterkommen gefunden, waren ihnen die Branntweinkeller verraten worden; sogleich zog der Schwarm dorthin; viele soffen sich voll und schlummerten ein, um ihrerseits nicht wieder zu erwachen. Die Stadt ist von mittlerer Grösse und hat mitunter  schöne Gebäude; allein auch diese haben die Flammen verzehrt. Die Russen sollen später auf dieser Stelle 6 – 7'000 Mann Traineurs zu Gefangenen gemacht haben. Unser Oberst Raguettli soll zum letzten Mal in dem erbärmlichsten Zustand in der Stadt gesehen worden sein. In einem kleinen Kämmerchen, wo ich die Nacht zubrachte, waren wir zum Mindesten 40 Köpfe und standen alle auf den Beinen dicht aneinander; an das Niederlegen durfte man nicht denken.

Die Kosaken verfolgten uns auf den Wegen von Tilsit und Stalopenen, wobei ihnen gewiss noch viele Leute in die Hände gefallen sein müssen. Den 13. Dezember verliess ich das rechte Ufer und setzte meinen Weg auf dem linken Ufer des Niemen gegen Tilsit zu mit fröhlichem Gefühle fort, als aufeinmal 3 – 400 Kosaken uns bedrohten, über den Fluss zu setzen. Dieser war durchgehend 6 – 10 Fuss hoch gefroren und furchtbare Eisschollen ragten hervor, die mir grösser zu sein schienen als unsere Berghütten.
Wir mögen eine gute halbe Stunde gelaufen sein so kamen wir ca. 3 Stunden von Miekiti auf einen Weg, der in das Innere von Preussen führte. Ich und die Lieutnant Abundi und Sprecher von Graubünden wählten diesen Weg und kehrten demnach dem Niemen den Rücken. Drei Stunden davon kamen durch Zintanten nach Pilkallen, wo uns der Bürgermeister freundlich aufnahm und selbst behielt, weil wir Schweizer  waren.
Von ihm vernahmen wir, dass  schon viele von unserer Armee hier durchpassiert seien und wir hätten das bessere Los gewählt, indem die Kosaken auf dem Weg von Tilsit noch viele Gefangene machen werden. Wir hatten gute Betten, und am Morgen früh fuhren wir auf einem Schlitten, der uns nichts kostete, bis Tschervient, von da über Tapplau bis Königsberg.

 

Gute Aufnahme in Preussen, Zusammentreffen mit General Merle

Die gute Aufnahme, für uns Schweizer besonders, in ganz Preussen machte, dass wir bald unser Elend vergassen. In der Stadt Königsberg war ich so glücklich, einen Grenadier von meiner Kompagnie zu treffen, der Ursprung hiess, von Kreuznach am Rhein; dieser erkannte mich, ungeachtet ich schlecht genug aussah und auch an der Börse Mangel litt. Er fragte mich sogleich: „Herr Lieutnant, brauchen Sie Geld?“ – „Ja freilich, wenn Ihr habt!“
Hierauf musste ich ihm in sein Quartier folgen, wo er mir einen Sack von 500 Fünffrankentalern vorwies, den er bei der Plünderung eines Caissons bekommen habe und noch mehr dazu, mit dem Hinzutun: „ Nun, Herr Lieutenant, nehmen Sie nach Belieben davon !“
Ich fand das Geld in rechten Händen, und so sagte ich ihm, er solle mir in mein Quartier folgen und da logieren, wofür ich sorgen werde, indem ich ihn für meinen Bedienten ausgebe, womit Ursprung einverstanden war und mich nicht mehr verliess.
Mit 600 Franken kleidete ich mich auf’s Beste und nach drei Tagen verliessen ich und mein neuer Bedienter mit unserem Auditeur-Lieutenant Minar Königsberg und fuhren mit dessen Pferden und  Reisewagen nach Marienburg, wo wir Befehl hatten, uns wieder zu sammeln.

Wir trafen dort wirklich den Major Dufresne an, der sich freute, uns zu sehen; allein da er mir im Vorwärtsmarschieren sagte, wo ich ihn begleiten werde, so erwiderte ich, dass ich dies gerne tun werde, nur möchte er mir erlauben, zuerst  meinen Koffer in Stettin abzuholen. Dies wurde mir sogleich bewilligt und ich erhielt einen Transportwagen, um die Effekten abzuholen.
Dem General Merle machte ich noch meinen Besuch und als ich ihn an das  Sturmlaufen an der Beresina erinnerte, sagte derselbe:
„Oui, mon ami! Je m’en souviens ; demandez mai tout ce que vous voudrez, je ne refuse rien ! » (Ja, mein Freund ! ich erinnere mich; verlangen Sie, was Sie wollen, ich werde es Ihnen nicht abschlagen!)
Hierauf erwiderte ich dem Herrn General, dass ich 13 Jahre Oberlieuitenant sei und dass mir eine Kapitänsstelle angenehm wäre, obschon es noch vier ältere Lieutenants bei Regiment habe. Er antwortete, dies tue nichts zur Sache, es solle mir nicht fehlen, und ich möchte dem Herrn Major sagen, dass er sogleich zu ihm kommen solle, indem er mir die Versicherung gebe, dass der Vortrag noch  heute gemacht und an den Minister abgehen werde.

Ich war vor allem Augenzeuge, was General Merle für mich getan; allein die Ernennung erfolgte noch keineswegs und erst  den 6. November 1813 hatte ich die Hauptmanns-Epauletten und verdanke sie dem Landammann der Schweiz (Reinhard), auf dessen Vortrag und neue Empfehlung hin. Da aber beim ersten Regiment noch überzählige Kapitäns auf dem Depot sich befanden, so erhielt ich meine Anstellung im zweiten Schweizerregiment, wovon das Depot in Schletstadt lag.
Ich kommen noch auf den Umstand zurück, warum die Schweizer in der Retirade bei den Preussen so gute Aufnahme gefunden. Beim Durchmarsch nach Russland begannen die Einquartierungen den Bürgern, von der  Weichsel oder Marienwerder hinweg bis an den Niemen, lästig und unerträglich zu werden, daher mussten verschiedene Korps des Nachts bivouakieren; die Nahrungsmittel sollten die Einwohnern herschaffen, die sie aber aus Armut nicht geben konnten. Dies führte zur gewaltsamen Ausplünderung der eingesessenen friedsamen Verbündeten, woran die Schweizer keinen Anteil hatten.
Sowie wir abends auf den Bivouaks ankamen, wurden zuerst  die benötigten Feldwachen rings herum aufgestellt, über welche hinaus sich niemand wagen durfte. Detachements, von Offizieren geführt, begaben sich mit Befehl zu den Ortsvorstehern, von welchen wir jedes Mal das Gefragte erhielten und die Gutscheine in Ordnung auch dafür bestellten. Würden die Franzosen dieses, was die Schweizer strenge beobachteten, damals auch in Acht genommen haben, so hätten jene nun nicht in jedem Nachtquartier und bei jedem Anlass die Bitterkeit der  aufgebrachten Preussen fühlen und hören müssen.  Die Zeit war verändert und der sonst stolze Franzose kam nun beim, Misslingen seiner ernsten Forderung bittweise; allein wenn Schweizer vermischt unter jenen entdeckt wurden oder nur zur Türe hereinkamen, wo andere schon stundenweise gewartet hatten, so wurden sie zuerst versorgt und waren dann auch in jeder Hinsicht besser bedient als die Franzmänner.
Es ist unbegreiflich, warum die Generale die frühern Unordnungen geduldet haben; ich war selber ein paar Mal Zeuge der Klagen von weinenden, hilfesuchenden Einwohnern, allein die Generale zuckten ihre Achseln, was uns selbst empörte.
Es ist daher gar nicht zu verwundern, wenn die preussischen Völker nachher mit Macht und wie ein Mann gegen den Kaiser Napoleon auftraten und in den späteren Feldzügen Beweise von Mut und Tapferkeit so hinlänglich abgelegt haben!

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